Staddi – ein Nachruf (verfrüht)

Mit seiner kompromisslosen Art machte er sich nicht nur Freunde, seine Angewohnheit lieber ein Mal zu viel als einmal zu wenig seine Meinung kundzutun, stieß vielen sauer auf, und sein Kokettieren mit einer längst veralterten Männlichkeit, die stets potenzprahlend und – ja, so muss man es sagen – auch immer etwas überheblich wirkte, sorgte bei einigen Menschen häufig für Irritationen. Wiederholt bezeichnete man ihn als einen verrückten Choleriker. Doch genau darum ging es ihm immer; er wollte anecken, nie länger an einem Ort bleiben. Und auf gar keinen Fall wollte er irgendjemandem um jeden Preis gefallen. Er nahm die Dinge, wie sie kamen. Auch aus seiner tiefen Liebe zum Alkohol machte er kein Geheimnis. „Wenn ich morgens aufstehe, nehme ich erstmal einen kräftigen Schluck Whiskey zu mir“, sagte er einmal. Und weiter: „Anders ist diese Welt schwerlich zu ertragen.“ Dies war seine andere Seite, die man zu gerne übersah. Der Melancholiker, immer auf der Suche nach einem Sinn, nach einem Ziel, den unzählige Fragen quälten, der an der Welt und seinen Mitmenschen verzweifelte, der anprangerte und nach Veränderung strebte. Immer wieder saß er alleine auf seiner Veranda, mit einer Flasche Schnaps in der Hand, und starrte in die Ferne. Es sollte ihm sein ganzes Leben lang nicht gelingen, diese Schwermütigkeit vollständig abzuschütteln. Aber nie strahlte er die Aura des Einzelgängertums aus, zu verhasst war ihm der Stillstand, er brauchte Bewegung, suchte die Unterhaltung, die Partys. Er trank und ließ sich fallen, bevorzugt in die Arme junger Mädchen, in der Hoffnung, dass sie ihm geben könnten, was er suchte, wonach es ihm verlangte. „Morgens wache ich neben diesen jungen perfekten Körpern auf“, schrieb er einst einem Freund, „die den Geist doch so schmerzlich vermissen lassen. Sie wollen nichts geben, nur nehmen, immerzu nehmen. Es scheint, die Jugend hat das Geben verlernt.“ Trotz allem gab er sich dem Leben immer wieder hin, bis ins hohe Alter süchtig nach Vergnügen und auf der Suche nach der Erkenntnis. Ob er sie schlussendlich doch noch gefunden hat, darüber können wir nur Mutmaßungen anstellen. Zumindest die Fragen haben aufgehört.

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Kategorien: Lipstick letters, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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