Staddi – eine Chronik der Gratwanderungen (oder: Ein Leben – kurz zusammengefasst)

Irgendwann in den Achtzigern wurde Staddi in einem bayrischen Wald geboren und lebte dort mehrere Jahre abgeschottet von der brutalen und durch die Industrialisierung lebensunwert gewordene Zivilisation. Im Alter von sieben kam er erstmalig mit der großen weiten Welt in Berührung, da seine Eltern sich dazu entschlossen hatten, wegen des Kabelfernsehens doch wieder in die Stadt zu ziehen. Mit achteinhalb Jahren sah er dann das erste Mal eine Schule von innen, wo er aufgrund seiner Fähigkeit, kopfüber an der Decke zu hängen, gleich zum Klassenliebling wurde und die Versetzung in die 2. Klasse schaffte, da er seinen Namen mit toten Insekten schreiben konnte. Seine Lehrer beschrieben ihn als schwierigen und querdenkerischen Schüler, der sich auch in späteren Jahren nicht dazu bringen ließ, mit Messer und Gabel zu essen. Das sollte sich aber erst als ein gravierendes Problem herausstellen, als seine Familie beschloss, nach Hamburg zu ziehen. Da Staddi in allen Kniggetests der norddeutschen Schulen durchfiel und somit als nicht qualifiziert für die 3. Klasse eingestuft wurde, zogen seine Eltern mit ihm wieder zurück nach Bayern. Drei Tage später überlegten sie es sich jedoch wieder anders und kehrten nach Hamburg zurück, wo Staddi in der Mönckebergstraße sein Taschengeld durch akrobatische Kletteraktionen verdiente. Gänzlich willkürlich zog die Familie zwei Wochen später abermals zurück nach Bayern, wo Staddi wieder zur Schule gehen musste. Weil er in Hamburg gelernt hatte, einfache Hauptsätze in Hochdeutsch zu bilden (Subjekt, Prädikat, Objekt), versetzte man ihn in die 7. Klasse eines Gymnasiums für Hochintelligente. Da er dem Unterrichtsstoff weit voraus war, entwickelte er im Verlauf des Schuljahres eine Obsession für Low-Budget-Filme, die indirekt zu einem traumatischen Familienereignis für ihn führte. Seine Mutter verkündete eines Abends, nur noch mal schnell Zigaretten holen zu wollen. Als sie fünf Minuten später nach Hause kam, lag ihr Sohn mit Schüttelfrost nackt vor dem Fernseher, in der Annahme, dass seine Mutter die Familie für immer verlassen habe. Infolgedessen wurde er auch zum ersten Mal mit Elektroschocks behandelt, von denen er schnell abhängig wurde. Mittlerweile hat er schon unzählige Entzugsklinikenbesuche hinter sich, jedoch ohne Erfolg. Besorgt über seinen Zustand, zog seine Mutter mit ihm wieder nach Hamburg, sein Vater blieb jedoch in Bayern zurück, wo er sich ganz auf die Jagd nach dem Wolpertinger konzentrierte. Kurz zuvor wurde der Kniggetest an hamburgerischen Schulen als Verstoß gegen die Menschenrechte gewertet, sodass Staddi nun auch in Hamburg zur Schule gehen konnte. Weil er allerdings nur einfache Hauptsätze bilden konnte, wurde er in die 6. Klasse zurückgestuft. Hier entdeckte er seine Leidenschaft für Männer in schwarzen Lederklamotten und trieb sich immer mehr auf satanischen Konzerten herum. Im regen Gedankenaustausch mit den grimmigen Muskelpaketen wurde sich Staddi nun der Bedeutung des Wortes „und“ sowie diverser Satzzeichen bewusst, außerdem erweiterte sich sein Wortschatz um das vierfache. Schnell wurde er Klassenbester, doch nach einem schweren Suchtrückfall musste er fürs Erste die Schule abbrechen und sich in ein Sanatorium in der Nähe des Mittelmeers begeben. Hier lernte er die Vorzüge von Alkohol und leichten Mädchen, die er in der Abteilung für Essgestörte besuchte, kennen. Am Ende seines Aufenthalts hatte er es geschafft, sich in jedes Poesiealbum der Mädchen einzutragen. Eine Karte seines Vaters, der behauptete, den Wolpertinger gefangen zu haben, ließ ihn auf seinem Rückweg einen Umweg über Bayern nehmen, wo sich rausstellte, dass sein Vater nur einem Kaninchen ein kleines Geweih an den Kopf geklebt hatte. Enttäuscht fuhr Staddi nach Hamburg zurück, während sein Vater sich auf nach Schottland machte. Die weiteren Jahre in seinem Leben verliefen ohne große Vorkommnisse. Mitte der 11. Klasse entschloss er sich dazu, zur See zu gehen und schmiss die Schule, mit der er sich in letzter Zeit entzweit hatte. Auf hoher See führte er ein sündiges Leben und verfiel dem Glückspiel. Nachdem er beim Pokern gegen den Kapitän 500.000 Gulden verspielt hatte und seine Schulden nicht bezahlen konnte, stachelte er die Mannschaft zu einer Meuterei an und übernahm das Schiff. In den nächsten Monaten schrieb er in seiner Kajüte einen erotischen Roman, den er in einem australischen Kleinverlag schließlich veröffentlichte. Aber bald wurde er auch dieses Leben leid und heuerte in Neuseeland auf einer Schafsfarm an. Er begann mit der Frau des Schafzüchters ein intimes Verhältnis, um für seinen zweiten erotischen Roman zu recherchieren (Titel: „Heiße Küsse zwischen Schafen“), aber seine Filmobsession, die sich auf obskure Hentaifilme ausgeweitet hatte, führte immer wieder zu Spannungen mit seiner üppigen Eroberung, bis sie die Affäre in einer Kurzschlussreaktion ihrem Mann gestand. Zusammen mit anderen Dorfbewohnern jagte dieser Staddi mit brennenden Fackeln bis zur Küste, wo Staddi sein Leben nur durch einen beherzten Sprung ins Meer retten konnte. Eine uralte Schildkröte brachte ihn bis an die Küste Afrikas, wo er sich durch den Verkauf seiner unwichtigeren Organe eine große Villa aus Elfenbein kaufte und sich endlich an sein zweites Buch setzte. Gleichzeitig arbeitete er an einer Drehbuchversion seines Erstlings, der verfilmt werden sollte. Als er erfuhr, dass es sich nur um eine Softcoreverfilmung fürs Fernsehen handelte, distanzierte er sich von dem Film und versuchte gerichtlich gegen „die Beschneidung meiner freizügigen Kunst“ vorzugehen, musste aber eine Niederlage hinnehmen. Von der Welt desillusioniert, verließ er den schwarzen Kontinent und zog nach Japan, wo er sich ausgiebig mit diversen Subgenres der pornographischen Kunst auseinandersetzte. Kaum war sein zweites Buch draußen, begann er schon mit seinem dritten Werk, das in der Darstellung noch drastischer werden sollte. Außerdem schrieb Staddi sich für einen Fachabiturinternetlehrgang ein, denn er aus Zeitmangel einen Schimpansen machen ließ, der den Lehrgang mit einem Notendurchschnitt von 2,7 bestand. Ein durch seine Sucht bedingter Zusammenbruch führte Staddi im Sommer 2008 wieder nach Deutschland zurück, wo er in eine Spezialklinik für Süchte in der Nähe von Bremen eingeliefert wurde. Nebenbei schrieb er sich noch an die Hochschule Bremerhaven ein, um sich mit einem Wirtschaftsinformatikstudium die Zeit zu vertreiben und sich von seiner Sucht abzulenken. Außerdem denkt er über die Gründung einer neuen Religion nach, um Steuerfreiheit zu erlangen.

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Kategorien: Lipstick letters, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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