Wie schreibe ich einen Thriller? (1)

I. Teil: Eine völlig unwahrscheinliche Geschichte plausibel machen

Viel zu häufig hat man als Autor populärer Spannungsliteratur das Problem, eine großartige Story zu Papier gebracht zu haben, um am Ende feststellen zu müssen, dass sie ein wenig unrealistisch wirkt. Um nicht gleich die Authentizitätspolizei im Haus zu haben, die das geschriebene Manuskript konfisziert, damit es zum Schutze der öffentlichen Ordnung sachgemäß verbrannt werden kann, bietet es sich an, subtil kritische Selbsterkenntnis in seinen Text mit einfließen zu lassen, so dass auch niemand auf die Idee kommt, der Autor habe die Auflösung der Handlung an den Haaren herbeiziehen wollen (oder ihm wäre gar nichts besseres eingefallen). Um einen eigentlich nicht sehr einleuchtenden Sachverhalt zu einer überzeugenden Gegebenheit zu machen, lässt man am besten einen seiner Charaktere die offensichtliche Diskrepanz ansprechen (verschafft der Geschichte die nötige Prise Ironie und macht den Autoren zugleich unangreifbar).

Beispiel: „[…] Diese zwei Leute spalten sich nicht in vier oder sechs […] Persönlichkeiten auf; statt dessen sind sie unter dem ungeheuren psychischen Druck ihrer Mutter … psychologisch zusammengeschmolzen, eins geworden. Zwei Individuen mit einer Persönlichkeit, einem Bewußtsein, einem Selbstbild, und das alles in zwei Körper geteilt. Wahrscheinlich ist so etwas noch nie vorgekommen und passiert vielleicht auch nie wieder, aber das bedeutet nicht, dass es hier nicht geschehen kann.“

Aus: Koontz, Dean. Flüstern der Nacht. München: William Heyne Verlag, 1998. S. 567

Advertisements
Kategorien: A wall of books between us in our bed, My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

Beitragsnavigation

2 Gedanken zu „Wie schreibe ich einen Thriller? (1)

  1. Schall und Rauch

    Die Beobachtung habe ich auch schon des Öfteren gemacht und du hast es wieder einmal herrlich treffend auf den Punkt gebracht :-).
    Ich habe zwar noch nie etwas von Koontz gelesen, aber es treibt mich schon jetzt fast in ekstatische Entzückung, wie routiniert bzw. selbstsicher – ja fast schon dreist – er diesem doch so wichtigen Aspekt der Selbsterkenntnis, welcher dann ja wohl doch maßgeblich über den Erfolg eines Thrillers – ergo über Reichtum und Schönheit oder Armut und freier Mitarbeit bei einer Zeitschrift( 😉 ) – entscheidet, nur knappe drei Zeilen beimisst. Und dies in einem Werk, welches laut der Informationen unter diesem Beitrag mindestens 567 Seiten zählt.
    Davor ziehe ich meinen imaginären Hut :-D!

    Cheerio

  2. Herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, der, das muss man ja so sagen, schon mindestens so gut wie der Text ist. (Bitte vergessen: Ich habe den Text geschrieben und sich selbst loben ist doof!) Klasse, wenn junge Menschen noch mehr als einen Hauptsatz schreiben können, das ist ja heutzutage nicht mehr die Regel. 😛
    Es scheint wohl auch ein – nur einem elitären Zirkel von Spannungsliteraten bekanntes – Handbuch zu geben, in dem verschiedene Kniffe und Ratschläge des modernen Schreibens, welche zum sicheren, finanziellen Erfolg führen, breitgetreten werden, da es eine bestimmte Riege Autoren gibt, die diese exzessiv in ihren Büchern nutzen und zumeist die Spitze der Verkaufscharts dominieren. Schön zu sehen übrigens bei Das Sakrileg von Dean Brown und Blitze des Bösen von John Saul.

Bitte kommentieren Sie!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: