Take me out tonight

Wir treffen uns an der Haltestelle Sternschanze. Die Straßen sind voll, nicht zu voll, es ist noch früh, halb zehn abends. Lange Schlangen an den Bankautomaten, kein Geld in der Tasche und schon lange im Minus, vier Ziffern, der Automat spuckt die Scheine aus, das ist Kapitalismus, reich ist, wer noch Geld bekommt. Darauf trinken wir. Später. Dann in die erste Bar, gedämmtes Licht, alte Sofas und Tische, abgewetzte Tapeten, abgefuckt. Laut, gemütlich, wir sitzen aufeinander an der vollen Tafel der beiden Könige. Ich trinke – nichts.

Die Vögel zwitschern schon, als wir nach Hause fahren, bald ist es wieder Frühling. Draußen ist es dunkel, noch vor vier; Nächte, die nie enden, sind die schönsten. Sprachfetzen fliegen durch die U-Bahn, ich schnappe sie auf und schweige. Die Lichter der Innenstadt und ——– U is for underground. Schon sind wir unter der Erde, zwängen uns zwischen die warmen, schweißnassen Menschen und steigen um, steigen ein, von der Line U3 in die U1. Leere Gesichter und kaputte Körper, „Hey Nigga, steig ein!“, aber Nigga ist betrunken, seine glasigen Augen schauen niemanden an. Die Türen schließen sich, Nigga ist draußen, seine Freunde drinnen, der eine stellt sich ungestüm in die noch nicht geschlossene Tür, löst einen Automatismus aus, der andere packt Nigga am Arm, der sich widerwillig in die U-Bahn ziehen lässt. „Ey, Nigga, was is’n mit dir? – „Alles klar mit dir, Nigga?“ – „Nigga hat zu viel genommen, nicht nur *unverständliches Gemurmel*“, er schaut keinem in die Augen, lautes Lachen. Aus den Ohrstöpseln lautes Dröhnen, beat this.
Ich verabschiede mich von meinen Freunden, fahre weiter, Nigga und seine Freunde bleiben in der Bahn. „Digga, der is sowas von fertig!“ – „Bringst du Nigga nach Hause?“ – „Ey, das sind dreißig Minuten mit’m Bus *unverständliches Gemurmel* Wandsbek Markt raus.“ Nigga legt sich schlafen, ich schließe die Augen und sehe Rauschen, verstöpsle mich, head like a hole, black as your soul, i’d rather die than give you control. Mit einem Augenaufschlag bleibt die Bahn stehen, Nigga ist auf den Beinen und stolpert aus dem Wagen, „Ey, Nigga, komm wieder rein.“ – „Das ist noch nicht Farmsen.“, aber Nigga hört nix, der Boden dreht sich, Nigga bleibt auf einer eisernen Bank zurück, während wir weiterfahren. „Digga, war der fertig.“

Die letzten Kilometer als Fußweg, ich stolpere kurz über meine Füße und irgendwann ist ER da, lässig raucht ER SEINE Zigarette, ich nehme meine Ohrstöpsel aus den Ohren, spoken words, viel zu laut, „Gefeiert, was?“ – „Yeah.“ – „War fett? Wo warste?“ – „Grüner Jäger, Goldener Pudel.“, Was haste gemacht? Gechillt oder gedanct?“. Gechillt und gedanct, „Viele hübsche Ladies auf der Tanzfläche?“, die Girls waren heiß, yeah, viel zu laut dröhnt SEINE Stimme, Fragen, ganz viele Fragen, that’s me, dann ich halte einen Monolog, „Nicht schlecht, Herr Specht.“, geile Mucke und Alkohol, amazing girls, surfen auf einer Wellenlänge. Who am I? Who are you? „Ich bring dich nach Hause, kein Thema!“ – „Yeah.“ … dann wieder allein, noch drei, vier Straßen, Ohrenstöpsel rein, I’ve exposed your lies/The truth is so boring.

Etwas früher: Der Bass hat sich irgendwo zwischen Wirbelsäule und Gehirn festgesetzt und lässt nicht mehr los, als wir gehen. Die Leute stehen immer noch an, halb vier morgens, Elektromusik und billige Getränke, wir gehen vom Goldenen Pudel Club Richtung Landungsbrücken, vorbei am Hafen, schauen auf die Elbe, auf die Lichter und auf die Aida. Es ist warm, das Wasser ruhig, und die Lichter des großen Schiffes sind Sternenstaub. Mein Photoapparat liegt zu Hause. Das Schiff ist riesig, wir gehen weiter, am Elbtunnel vorbei und auf die Landungsbrücken. Einen letzten Blick auf die Aida, dann fahren wir heim.

Als wir im Grünen Jäger ankommen, ist der noch fast leer. 5 Euro Eintritt, ein Stempel, wir gehen nach oben. Ich trinke mein erstes Bier an diesem Abend und kippe eins um. Nicht meins. Heute ist Russendisko im Grünen Jäger, die Musik laut, im Obergeschoss etwas leiser. Oben wird geraucht, als wir nach unten kommen, wird getanzt. Ich trinke mein Bier, kaufe mir ein neues, höre der Musik zu, dem Rhythmus, wenn ich tanzen könnte, würde ich tanzen. (Allerdings: Das können viele andere hier auch nicht.). Boys and girls auf der Tanzfläche, blicke in Gesichter, Menschen können hübsch sein, müssen es aber nicht, und der Boden ist nass und klebrig vor lauter Bier. Im grellen Licht der Toiletten verschwindet mein Stempelaufdruck fast in der Haut, zurück bleibt eine wage Kontur. Bin ich der einzige, dessen Handgelenk nie richtig gestempelt wird? Ich renne raus, suche ein Münztelefon, finde eins, werfe Geld ein, wähle eine Nummer … tot. Drinnen ist die Luft stickig, ich kaufe ein Bier, wir gehen nach oben, jetzt wird auch hier getanzt, die Luft steht vor Rauch und doch ist es angenehmer als unten. Schnelle Musik, Gogol Bordello, Goran Bregović kenne ich, einiges kommt mir bekannt vor, ich sitze und trinke Bier, ich will tanzen, ich muss tanzen, ich kann nicht tanzen, aber keine Widerrede, let’s dance to the song they’re playin‘ on the radio.

Erster Blick seit langem wieder auf den Hafen bei Nacht, letztes Jahr im Herbst, da war ich hier, hab Musik gehört und aufs Meer geschaut, oranges Licht, damals wie heute, heute wie damals, alles wie immer, werde ich wieder hier herziehen, wenn ich mit dem Studium durch bin, denke ich, vielleicht, vielleicht ja.
Laut bollern die Boxen, als wir uns anstellen, wollen rein, stehen in der langen Schlange, irgendwann sind wir drin, laute Elektromusik knallt uns in die Ohren, die Tanzfläche ist klein, alles ist klein, springen, springen, springen, aber dann raus, in die Kälte, rauchen, trinken, Zeit vergehen lassen. Ich schmeiße Flaschen um. Nicht meine. Richard von der Schulenburg irrt umher, ein Mädchen kotzt. Der Goldene Pudel Club ist vielleicht der abgefuckteste Laden der Stadt. Sich einen schöneren Platz vorzustellen fällt schwer. There is a light and it never goes out.

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Kategorien: Lipstick letters, Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Take me out tonight

  1. MaybePunk

    Shit ist das gut. und keiner hats bemerkt!

  2. Vielen Dank, zu viel der Ehre! Immerhin du hast es ja entdeckt. 😉

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