Sun and the city

Ende Februar/Anfang März ist Hildesheim grau, kalt und matschig nass. Der wenige Schnee, der ab und an fällt, bleibt viel zu selten liegen, wechselt den Aggregatzustand zu schnell und macht es sich als schmutziges Wasser in den Schuhen und Socken bequem. Wenn man Glück hat, spürt man seine Füße im Sommer wieder. Die wenigsten Städte Deutschlands sind im Winter wirklich ansehnlich, grauer Schneematsch wird von den fahrenden Autos an Hosenbeine gespritzt, Füße und andere Gliedmaße verabschieden sich für Wochen, für Monate und manche auch für immer. Die Bäume sind kahl und braun, die grünen Blätter des Frühlings und Sommers erscheinen uns nur noch als Illusion, weit, weit in den freudschen Windungen des Gehirns kleben die Erinnerungen an leuchtend rote und gelbe Blätter, die im Herbst still und leise von den Ästen fallen und unter unseren Schuhen ein paar letzte Worte sprechen. We’ll meet again. Der Winter kommt und bringt alles mit, das Grau der Häuser und Straßen, die feuchtkalte Luft, die sich in unsere Knochen frisst und dort auf den Frühling und die Sonne wartet, und manchmal, manchmal auch den Schnee. Die Gedanken werden ein wenig schwermütig, vor allem in dieser Stadt, denn Hildesheim ist schlimmer als andere Städte, wir vergraben uns tief unter einer Schicht aus Decken, stellen uns ruhige Musik an und nehmen ein Buch zur Hand. Draußen wird es schnell dunkel, im Kühlschrank steht nur noch ein Liter Milch, und Brot ist auch schon wieder alle. Wenn wir uns dann endlich aufraffen können, schlagen wir den Kragen des Mantels am Hals zusammen, senken den Kopf und rennen raus in die kalte, windige Nacht, schlittern über den gefrorenen Boden und kaufen nur das Nötigste. Schnell wieder nach Hause, unter die Decke, das gute Buch aufgeschlagen und weiter lesen. Wir zählen die Tage, überlegen uns, ob wir sie im Kalender durchstreichen sollen, soundso viele Tage haben wir überstanden und nur noch x Tage, dann ist das Semester endlich vorbei. Plötzlich, fast unerwartet, ist es dann soweit, der letzte Abend wird noch mal in irgendeiner Bar verbracht, bevor wir am nächsten Morgen völlig übermüdetet unsere Taschen und Koffer packen, um aus dieser Stadt zu verschwinden, raus aus dieser grauen Tristesse.
Mit einer ellenlangen Liste, die wir in den nächsten zwei Monaten nach und nach abarbeiten wollen, es aber schlussendlich doch nicht tun, verbringen wir die freien Tage, nehmen uns die großartigsten Sachen vor und sind dann doch überglücklich, wenigstens aufgestanden zu sein, wenn wir dann noch geduscht haben, ist es ein perfekter Tag.
Ehe wir uns versehen, weckt uns am Morgen das warme Sonnenlicht, bahnt sich seinen Weg durch unsere Netzhaut und immer, immer weiter, bis es irgendwann in unserem Gehirn ankommt und sich dort für dem Sommer einnistet, wir schauen aus den Fenster und die Bäume beginnen wieder zu grünen und die Gärten zu blühen. Rauchende Mädchen mit kurzen Ärmeln und Röcken gehen über die Bahnsteige, säuseln Worte in ihre Handys und es ist der Tag unserer Abreise. Wir hatten ihn nicht kommen sehen, plötzlich war er da, einfach so, wir packten schnell unsere Sachen, runter in den Bus und los geht’s, schon stehen wir auf dem Bahnsteig, warten auf den Zug, der uns zurückbringt. Wenn wir dann im Zug sitzen, aus dem Fenster starren und das zarte Grün der Blätter sehen, können wir es kaum noch erwarten, zurück in diese Stadt, aus der man vor zwei Monaten noch so schlagartig geflohen ist, zu kommen, zurück zur Uni und all den Menschen, die man in der letzten Zeit meist nur sporadisch gesehen hat. Endlich wieder mit der Sonne aufwachen, endlich wieder T-Shirts tragen. Kaum können wir ihn erwarten, den ersten Blick aus dem Zug, den Blick auf diese hässliche Stadt, die im Frühlingsgrün und dem Sonnenschein auf eine ganz eigene Weise schön wirkt.

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Kategorien: My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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