Wie schreibe ich einen Thriller? (2)

II. Baukastensätze: Eine Liebesgeschichte in einen Thriller einbauen

Welcher Autor kennt das nicht? Nach langer, einsamer Schreiberei im eigenen Kämmerchen hat man nun endlich 300 Seiten geheimnisvollster Verschwörungen zu Papier gebracht und die verschiedensten Konflikte auf den Helden losgelassen, und auch wenn jeder Satz die Nackenhaare vor Spannung zu Berge stehen lässt – irgendwas fehlt.
In einer guten Suppe darf das Salz natürlich nicht fehlen. Damit die ganzen Schießereien und nächtlichen Einbrüche in irgendwelche Kirchen nicht zu fad werden, braucht es einer geschmacklichen Auflockerung: Das Salz im Thriller ist die Liebesbeziehung. Die Sache ist so genial wie einfach: Neben Ihrem Helden brauchen sie noch eine Frau, die Sie am besten kurz nach dem Helden in Ihr Buch einführen. Vielleicht handelt es sich bei ihr um die Tochter des ermordeten Kunsthändlers, dessen Mord ihr Held aufklären soll – oder doch eher um die mysteriöse und laszive Schönheit, deren Rolle bis kurz vor dem Finale nicht geklärt ist?
Wie Sie sich auch entscheiden, nehmen Sie sich die Zeit und überstürzen Sie es nicht mit Ihren beiden Turteltäubchen, gehen Sie stattdessen subtil vor und lassen Sie den Gefühlen Ihrer Figuren genug Raum.
Weil Subtilität nicht jedermanns Sache ist, hier ein paar Beispielsätze, damit es Ihnen wie den großen Meistern des Genres gelingt, fast unmerklich das entstehende Knistern zwischen den beiden Charakteren in ihren Text einzuweben:

– Jack beugte sich über Anne, um den geladenen Revolver aus dem Handschuhfach zu holen, als er bemerkte, dass sie betörend roch.
– Während sie beide das scheinbar verlassene Haus beobachteten, nahm Peter erstmals die makellose Attraktivität, die Sandy ausstrahlte, wahr; dabei kannte er sie erst seit einem Tag und wusste nicht viel mehr über sie als ihren Namen, trotzdem zog sie ihn immer mehr in ihren Bann.
– Noch nie hatte sie sich so durcheinander gefühlt wie jetzt, als der junge und gut aussehende Polizist in ihre Augen schaute. Er war ein Mann, der sie vor jeder Gefahr beschützen würde, dem sie sich jetzt und hier sofort hingeben könnte.
– Als sich ihre Blicken trafen, verspürte sie ein hitziges und wollüstiges Verlangen.

Wenn Sie sich für die mysteriöse Schönheit entschieden haben, haben Sie leichtes Spiel und können eigentlich nichts mehr falsch machen. Nachdem sich die beiden ein, zwei Mal über den Weg gelaufen sind, wird das erneute Aufeinandertreffen bei einem Cocktail an der Bar vorgesetzt. Vergessen Sie nicht, das Gespräch auf einer zweideutigen Ebene zu halten, schließlich hat vor allem ihre Femme fatale eine genaue Vorstellung, auf was das Ganze hinauflaufen wird.
Wenn Sie sich jedoch für einen anderen Typ von Frau entscheiden, müssen Sie die Schraube der Spannung wohl oder übel noch ein klein wenig fester ziehen. Bevor die beiden Glücklichen zueinander finden, sollte es noch den einen oder anderen Konflikt geben, der zu überwinden ist. Was eignet sich besser als der Zweifel? Vermeintliche Klassenunterschiede (sie ist ein Filmstar, er nur Polizist), schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit (von den Eltern misshandelt, früh verstorbene Frau/verstorbener Mann, gerade zerbrochene Beziehung) oder einfach die generelle Selbstzweifel.
Dabei ist weniger oft mehr. Verzichten Sie auf seitenlange „Charakterstudien“, alles Wichtige lässt sich subtil in einem einzigen Satz unterbringen:

– Sie begehrte ihn sehr, wollte sich ihm öffnen, aber der Schmerz und die Angst vor Zurückweisung saßen tief in ihr, die verweigerte Liebe ihrer Eltern nagte noch immer in ihrem Inneren, schon dreizehn Jahre lang.
– Was hatte er auch schon einer so wunderschönen und berühmten Frau zu bieten, die von den meisten Schauspielern Hollywoods begehrt wurde, er hatte nicht viel Geld, trug abgetragene Jeans und Hemden und konnte sie nicht in ein teures Restaurant einladen.
– Frank liebte sie so sehr, wie er seit Jennas Tod keine Frau mehr geliebt hatte, und nichts wünschte er sich mehr, als ihre Lippen zu küssen und ihren wohlgeformten Körper zu berühren, aber noch fühlte er sich für eine neue Beziehung nicht bereit.

Was natürlich nicht fehlen darf, ist das richtige Quäntchen Zärtlichkeit und Erotik. Wenn wir bei der Suppe bleiben, handelt es sich nicht mehr um das Salz, sondern vielmehr um die Fleischstückchen. Servieren Sie sie so saftig, dass auch Vegetarier nicht widerstehen können. Natürlich muss auch hier äußerst unterschwellig vorgegangen werden. Küsse haben feurig zu sein, Berührungen müssen kribbeln und die Zärtlichkeiten beim Liebesakt wollen ausgiebig beschrieben werden. Lieber angehender Autor, keine falsche Scheu vor vermeintlichen Klischeefallen und Allgemeinplätzen – wer sich in wildeste Sprachspielereien hineinsteigert, verliert sein Ziel aus den Augen, und lässt den Leser mit sich allein. Das poliert im besten Fall das eigene Ego auf – mehr aber auch nicht. Der Leser will schließlich wissen, was Sache ist! Ganz wichtig: Zwei Menschen, die einander so voller Hingabe lieben, sind nicht mehr nur zwei Menschen – sie sind nun ein Teil des jeweils anderen, sie sind mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile! Bringen Sie das zum Ausdruck:

– Langsam öffnete Peter ihre Bluse und berührte ihre vollen Brüste.
– Als er sie begierig küsste, spürte er ihre feuchten, weichen Rundungen der Lippen, und ein Laut der Wohligkeit erklang aus seinem Mund.
– Dicht an seinen Körper gepresst, fuhr Sandra mit fester Hand über Franks makellose Bauchmuskulatur und augenblicklich spürte sie, dass sich etwas in seiner Hose regte.
– Es war ihr so, als fahre ein Stromstoß durch ihren ganzen Körper, als er sie zwischen den Beinen berührte.
– Auf dem Höhepunkt ihrer Lust spürte sie, dass sie nicht länger mehr zwei verschiedene Menschen waren, während sie sich liebten, wie ein Teil seines Ichs in ihr überging, und sie spürte, dass er dasselbe fühlte.

Ein Happy End rundet die Geschichte ab. Wenn sich die zwei frisch ineinander Vernarrten nach all der turbulenten und hektischen Endkampfstimmung endlich beruhigt in die Arme fallen können, ist auch der Leser erleichtert und Sie können sich mit dem gutem Gewissen zurücklehnen, eine ausgezeichnete Geschichte hingezaubert zu haben.

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Kategorien: A wall of books between us in our bed, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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