unterwegs/13days II

Der nächste Tag beginnt für mich auf dem typischen Festivalparkplatz (eine große Wiese), erstmal nicht als Parkeinweiser, sondern als Gebühreneintreiber, das Parken kostet 3 Euro, die wir den Besuchern des Machmallauter Open Airs der Toten Hosen gleich beim Aussteigen abnehmen, dafür bekommen sie einen Parkschein. Bis auf die vielen schlechten und immer wieder gleichen Sprüche („Kann ich dir auch nur einen Euro geben? Hahahahaha!“) klappt das alles auch ganz gut. Währenddessen powert die Sonne vom Himmel, es ist arschheiß und der Schweiß läuft überall hin, Hauptsache, es geht nach unten. Wenigstens habe ich diesmal Sonnenmilch dabei, mit der ich mir circa alle zehn Minuten Gesicht, Nacken und Arme eincreme.
Im Gegensatz zu den 3 Euro Parkgebühr sind die Anweisungen der Parkeinweiser ein größeres Problem für einige Besucher, befolgen will man sie nach Möglichkeit nicht, immerhin ist die Wiese groß und da kann man doch parken wo man will, am besten ganz dicht an der Straße. Je später es wird, desto unbelehrbarer die Leute. Jeder ist sich erstmal selbst der Nächste. Bestimmt jeder siebte Autofahrer kommt sich ziemlich klug vor, und statt weiter durchzufahren und in Reihe zu parken, parken sie irgendwelche Autos zu, um bloß nicht zwei, drei Minuten länger gehen zu müssen. Ich werde zum Parkeinweiser umfunktioniert und darf dann in der Gegend herumstehen, um den Leuten in ihren Autos Handzeichen geben, die diese erstmal geflissentlich übersehen. Kaum zu glauben, wie viel Diskutierwut in einem einzelnen Menschen stecken kann, der der Meinung ist, mal – Achtung: schlechter Wortwitz! – aus der Reihe tanzen zu müssen.
Weil der Boden immer noch matschig ist von der gestrigen Sinnflut, trage ich Gummistiefel und schwitze mir meinen eigenen See – außerdem schürfen mir die Gummistiefel die Haut an der Ferse und am Knöchel weg (ausziehen dürfen wir die Schuhe aus Sicherheitsgründen nicht). Lust auf Diskussionen habe ich keine, schon gar nicht in der heißen Sonne, unter der ich schon ein paar Stunden stehe, und langsam schiebe ich mächtigen Hass auf Menschen vor mir her und überlege, ob es irgendeinen Job gibt, bei dem ich nichts, aber auch überhaupt gar nichts mit Menschen zu tun haben muss. Den hätte ich jetzt doch gerne. Dass ich nebenbei Deichkind, die u.a. heute auch spielen, verpasse, macht die ganze Sache nicht besser.
Dann ist irgendwann aber doch mal Schluss und ich kann etwas essen gehen. Am späten Abend werde ich leicht sentimental, immerhin bin ich soundso weit von zu Hause entfernt und werde noch fast eine Woche im Bundesland der Spießbürgerlichkeit verbringen, bevor es weiter zu den Rumpelfußballern geht, und so schaue ich mir doch noch den Rest der Toten Hosen an. Die Düsseldorfer sind ganz nett und da sie seit nun mehr zwanzig Jahren eigentlich immer dasselbe machen, weiß man auch gleich, woran man ist. Campino ist selbstironisch, redet ein wenig viel und krabbelt auf das Dach der Bühne, legt sich mit den Bayernfans an und ist der alte (Sauf-)Punk wie schon immer, alles in allem wirkt das sehr, sehr pathetisch und das finde ich heute Abend auch gut. Als die Toten Hosen das Lied Freunde spielen, bricht in der Menge vor mir eine Schlägerei aus, zwei junge Männer prügeln sich, kurz, aber intensiv, einer der beiden landet zwei, drei sehr harte Schläge im Gesicht des anderen und verschwindet in der Masse. Das ist dann wohl die berüchtigte Ironie des Schicksals.
Am Donnerstag beginnt das Chiemsee Reggae Festival. Viele der Leute sind überraschend anstrengend und auch heute: diskutierwütig. Wenn man den Gerüchten glauben schenkt, sind fast schon mehr Zivilbullen auf dem Gelände unterwegs als eigentliche Festivalbesucher, zumindest ein paar tausend sollen es sein, denn wo Reggaefans sind, ist auch Gras nicht weit. Ob die Polizei wirklich so massiv aufmarschiert, um das jugendliche Klientel einzutüten, ist in Bayern natürlich nicht auszuschließen.

Was noch kommt: Wie ich der Staatsgewalt entkomme, was Frank Steinmeier auf dem Chiemsee Reggae Festival macht und: Der frühe Vogel fängt den Wurm.

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Kategorien: My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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