Von Vögeln & anderen Rindereien

Die Gruppe war wild durcheinander gewürfelt. Eine Handvoll neunjähriger Kinder, die sich wie Kreisel drehten, um alles aufzunehmen und sofort wieder zu vergessen, bildeten den Kern, dazu kamen ein paar Ausreißer nach unten und oben. Durch matschiges Gebiet sollte es gehen und hier zeigte sich das erste Mal die Kluft innerhalb der Kinderbande; die einen trugen Gummistiefel, die anderen stapften mit Turnschuhen durch den nassen Dreck. Zwei Mittdreißiger, die die zügellosen Sechziger zwar verpasst, dafür aber mit der Muttermilch begierig aufgesogen hatten, betreuten den bunten Haufen, in den Jackentaschen schon die Splits für den Abend. Die Schädel gerade erst rasiert, um das Ungeziefer aus den Dreadlocks zu vertreiben, fransige Bärte, Metallringe im Gesicht, die Augen unruhig wie Mauersegler. Zwei Mädchen, die fünfzehn, sechszehn oder auch fünfundzwanzig sein mochten, standen ihnen zur Seite. Wegen der Vögel waren sie an die Ostsee gekommen, eine Naturjugend, aus dem tiefsten Ruhrgebiet, aber schnell hatten die meisten Interessanteres gefunden. Die Führung durch das am Meer liegende Vogelschutzgebiet hatte noch gar nicht richtig begonnen, da hatten die ersten Kinder schon die vielen Kuhhaufen auf der Wiese entdeckt, die sie sofort in ihren Bann zogen; wer sich nicht für die Kuhscheiße erwärmen konnte, begann, sich mit Gleichgesinnten zu kabbeln, zu schupsen oder an den Ohren zu ziehen. Die Begleiter reagierten sofort: Digitale Spiegelreflexkameras und Handykameras wurden gezückt, um die Erinnerungen auf Negativen und Speichermedien festzuhalten. Ihr Interesse an der Vogelvielfalt war ungefähr so groß wie das eines adipösen Amerikaners an Tofuwurst.
Der Vogelwart, der die Gruppe durch das Gebiet führte, mühte sich redlich, aber nur das eine oder andere Kind wollte etwas über die verschiedenen Watt- und Meeresvögel wissen. Die Betreuer machten Fotos oder suchten körperliche Nähe bei den zwei Mädchen. Während sich die einen Kinder minutenlang die Ohren lang zogen, die anderen die mannigfaltige Scheiße begutachteten, versuchte eins der Kinder, Nicole, die eigentlich ihr zustehende Aufmerksamkeit der Gruppe zurückzuerlangen. Mit K.I.Z.-Schuhen an den Füßen kickte sie Holzbretter durch die Gegend, pöbelte die anderen an und erfreute sich exzessiv an dem gerade neu zu ihrem Wortschatz hinzugekommenen Wort „Duftmarke“, das sie immerzu laut krakelte, wenn sie einen der zahlreichen Haufen sah. Ein lethargischer Junge hielt uns abwechselnd Muscheln und Steine entgegen, wortlos und mit leicht milchigem Blick. Wir lobten ihn und drehten uns weg.
Nach nicht einmal einer Stunde ging es zurück. Die Kinder wussten jetzt zwar nicht mehr über Vögel als vorher (was nicht an fehlenden Bemühungen des Vogelwarts lag), immerhin kannten sie sich nun mit Exkremente jeglicher Farben und Formen aus.
Ein Blick ins Infozentrum ließ die kleinen Herzen dann doch ein, zwei Oktaven höher schlagen, ausgiebig wurden die ausgestopften Vögel, die Eier und Knochenreste bestaunt, der ultimative Höhepunkt war dann aber, noch vor den vielen großen Haufen, ein verrotteter Vogelkopf, der auf einem kleinen Tisch vor der Hütte lag. Nicole trumpfte ein weiteres Mal auf, als sie auf den Punkt analysierte: Ein Vogel ohne Körper. Ein paar Minuten später wälzte sie sich schon mit einem der Jungen durch Dünengras und struppiges Stroh. Ein Gedanke schälte sich aus der Hirnrinde: In fünf, sechs Jahren, wenn Nicole sechzehn, siebzehn ist, wälzt sie sich wieder über den Boden; ihre Aufmerksamkeitsdefizit dadurch ausgleichend, dass sie ihr erstes Kind bekommt, weitere folgen dann im Zweijahresabstand, selbstverständlich mit immer wechselnden Vätern.
In der anschließenden Fragerunde bekamen alle noch mal die Gelegenheit, etwas über Vögel und Naturschutzgebiet in Erfahrung zu bringen, spannender war aber die Frage, wie viele Rinder es braucht, um die ganzen Weidenfläche mit Fäkalien zu pflastern. Müssen ja unzählige sein. Waren es aber nicht, sondern nur zwei Dutzend. Ist ja irre. Endlich zufrieden gestellt und ohne nur einen Vogel mehr zu kennen als Amsel, Fink und Star geht es dann wieder auf den Weg zurück.

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Kategorien: My reflection, dirty mirror | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Von Vögeln & anderen Rindereien

  1. Schwanzgefecht

    Das ist das Niveau, dass ich mir hier wünsch. 😮
    An den Beitrag kann man sich schmiegen,wie an einen warmen weichen Kuhfladen. 🙂
    Weiter so!
    Lass es raus!^^

  2. Schwanzgefecht

    Mehr! X(

  3. Du hast ja vollkommen recht. Ich gelobe Besserung!

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