Mit der Mafia im Krankenhaus

Mit seinem Debütroman „Schneller als der Tod“ mischt Josh Bazell die beiden arg strapazierten Genres Mafia- und Arztroman und fügt noch eine ordentliche Prise Wahnsinn hinzu. Sicher ist sicher.

josh barzell - schneller als der tod

Nicht schon wieder ein Roman über die Mafia, nachdem das Thema über Jahrzehnte hinweg in Kunst, Literatur und Film bis auf den Grund eines mitternächtlichen Hafenbeckens ausgelutscht wurde. Bazell hat den Roman trotzdem geschrieben, und obwohl es zu allem Überfluss auch noch sein Erstling ist, geht wenig bis gar nichts schief. Mit „Schneller als der Tod“ schafft er es zwar nicht, dem Genre spektakulär Neues hinzuzufügen, dafür bereichert er es um ein cooles und kompromissloses Werk, das mit der nötigen Portion Humor durch die Tür platzt. Neben „Gomorrha“ und „Die Sopranos“ eins der interessantern und besseren Werke der jüngeren Zeit, die die Mafiathematik mit künstlerischer Beatmung am Leben hält.

Bazells Ausgangspunkt ist simpel. Dr. Peter Brown ist Assistenzarzt in einer New Yorker Klinik, die nicht weniger irrsinnig ist als Big Apple selbst. Zwischen überfordertem Pflegepersonal und inkompetenten Ärzten führt uns Peter Brown durch die pure Idiotie, in der tote Patienten von Schicht zu Schicht geschoben werden, damit keiner den Totenschein unterschreiben muss, oder in der Schwestern, den Kopf auf die Tastatur gelegt, während der Arbeit ein längeres Nickerchen einlegen. Dabei nimmt er uns jedoch nicht schützend an die Hand, sondern lässt uns unverblümt teilhaben, ab und an von einem verlegenen Grinsen begleitet. Mit zynischen Beobachtungen und Bemerkungen kommentiert er sich durch seinen Alltag als Arzt, schluckt die ganze Zeit Tabletten und rast von einem Patienten zum nächsten. Dass Peter Brown kein durchschnittlicher Arzt ist, bekommen wir gleich in der Auftaktszene mit. Auf dem Weg ins Krankenhaus wird er überfallen, doch statt dem Angreifer zu geben, was der will, dreht er den Spieß um, entwaffnet ihn und schlägt ihn nieder. Weil er sich ja gerade auf dem Weg zur Arbeit befindet, nimmt er ihn gleich mit und liefert ihn in der Notaufnahme ab, die Knarre steckt er ebenfalls ein.

Eigentlich hieß Peter Brown früher Pietro Brnwa und war Auftragskiller der Mafia. Nach dem Tod seiner Großeltern findet er eine Ersatzfamilie bei den Eltern seines Freundes Skinflick. Dessen Vater, David Locanto, Anwalt und in Mafiakreisen tätig, führt ihn die Welt des organisierten Verbrechens ein und bald schon ist Pietro ein gefragter Killer. Die familiäre Atmosphäre ist aber nur eine Illusion und beginnt allmählich abzublättern. Pietro nimmt die Chance wahr, die sich ihm bietet, und beginnt mit Hilfe des Zeugenschutzprogramms ein neues Leben als Arzt – so kann er Buße tun, für all diejenigen, die er auf dem Gewissen hat. Alles läuft gut, bis ein alter Mafioso ins Krankenhaus eingeliefert wird und Brown erkennt. Der Alte hat Krebs im Endstadium, eigentlich nichts zu machen, aber er soll noch am selben Tag operiert werden, um die Krankheit erstmal zu stoppen. Wenn er nicht draufgeht, wird Brown, auch als „Bärentatze“ bekannt, nicht verpfiffen. Problem an der ganzen Sache: Dr. Friendly, der die OP durchführen soll, ist ein riesiger, unfähiger Quacksalber, wie er im Buche steht. Das mindert die sowieso nicht großartigen Überlebenschancen des Alten noch um einiges mehr. Also muss Brown sich, neben seinen ganzen anderen Patienten, auch um das Gelingen der Operation kümmern, damit seine geheime Identität nicht auffliegt.

Mit „Schneller als der Tod“ ist Bazell ein spannender, aber auch brutaler Debütroman gelungen, der sich flott liest und auf jeden Fall Unterhaltung verspricht. Natürlich sind das nicht die exklusivsten und marktfrischesten Ideen, die er uns auftischt, was er aber rotzfrech daraus gezaubert hat, kann sich auf jeden Fall sehen und lesen lassen. Der Roman nimmt sich nicht zu ernst, mit trockenen Humor à la „Dr. House“ wird fast schon unverschämt locker jedem Hindernis, das den Roman zu einem schlechten machen könnte, aus dem Weg gegangen. Im derben Finale des Buchs löst Dr. Peter Brown nebenbei noch einen Fall einer seiner Patienten in der bewährten Art des Einzelgängers House. Die immer wieder auftauchende, hemmungslose Brutalität des Buchs erinnert stark an die Hardboiled-Romane amerikanischer Schriftstellergrößen wie Chandler, Hammett oder Spillane. Nicht nur von denen wird Bazell sich abgeschaut haben, wie man einen fesselnden Roman schreibt, der von vorne bis hinten unterhält. „Schneller als der Tod“ ist ein gelungenes Buch, das es sich lohnt, gelesen zu haben.

Details zum Buch:
Josh Bazell: „Schneller als der Tod“, Kriminalroman, 300 Seiten, Fischer, ISBN-13: 978-3100039125, 18,95 Euro

(Photo: Pressephoto)

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