Pakt mit dem Teufel

Andrej Longo ist in Neapel, der italienischen Mafia-Hauptstadt, geboren und aufgewachsen, fast schon unumgänglich beschäftigt sich sein Debütwerk mit der Camorra. Zehn Kurzgeschichten, die das Leben in der schönen, alten Stadt behandeln.

Andrej Longo - Zehn

Manche der Geschichten streift das allgegenwärtige und organisierte Verbrechen wie im Vorübergehen, wie ein virtuoser Taschendieb, in anderen tritt es unverkennbar zu Tage. Zehn recht kurze Geschichten, alle nur durch die Mafia verbunden. Jede ist mit einem der Zehn Gebote überschrieben – natürlich, das ist zynisch. Aber nicht anders sind es das Leben und die verschiedenen Ereignisse, die Longo uns hier erzählt. Nicht erfunden, sondern wirklich geschehen soll das alles sein, gefiedert und eingemummt in Literatur. Auch zum Selbstschutz. Dass einige nicht vergessen, weiß man spätestens seit Roberto Saviano. Er hat lange recherchiert für sein Buch, aber man merkt es den Erzählungen auf den ersten Blick nicht an. Locker wie ein Soufflee fließen sie dahin, bis sich die ruchlose Alltäglichkeit Neapels durch Zeilen und Buchstaben an die Oberfläche windet, manchmal verharrt sie auch knapp unter ihr. Und immer wieder stellt der Autor die Protagonisten vor eine Entscheidung. Die Entscheidung für oder gegen die Mafia. Wobei die Alternative dagegen eigentlich keine ist.

In Verbindungen mit der Betitelung der Geschichten kann man diese auch leicht als Lektionen begreifen. Da wäre der Tenor aus der zweiten Erzählung, der mit Hilfe hoher Mafiosi einen kometenhaften Aufstieg erlebt und lernen muss, dass man aus dem Pakt mit dem Teufel nichts gewinnen kann. Oder die drei aufsässigen Jungen, die keine Grenzen kennen und sich nehmen, was sie brauchen, bis sie an den Falschen geraten. Wir treffen auf Mädchen, die zu reif für ihr Alter sind, die zu viel erlebt haben. Und bekommen mit, wie der Versuch, ein Leben abseits von Sünde zu führen, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Die Wahl, die man hat, ist eine Illusion, es gibt keinen Weg heraus. Selbst, wenn du dich aus der Camorra heraushältst, wird sie Einfluss auf dein Leben haben. Die einzige Freiheit, die bleibt, ist keine absolute – beispielsweise, wenn sich einer der Charaktere entscheiden muss, ob er mit seinem kleinen Sohn in den Freizeitpark geht, obwohl er weiß, dass er sich im Visier der Mafia befindet.

Andrej Longo erzählt seine Geschichten in einem lakonischen, aber nuancierten Ton, sehr einfach und schnörkellos. Wie ein genehmer, glatt geschliffener Soundteppich nimmt man die verschiedenen Erzählungen in sich auf und in ein paar schwachen Momenten rauscht es an einem vorbei, ohne sich irgendwo anzuhaften. Worte, die man, gerade eben noch gelesen, auch sofort wieder vergisst. Zum Glück halten sich die schwachen Momente in Grenzen und Longo zeigt, dass er nicht zu Unrecht mit seinem Debüt für Furore gesorgt hat. Mit wenigen Sätzen, die fast harmlos banal daherkommen, schafft er es, den Ekel und die Verkommenheit einzufangen und wie die Schuppen eines Fisches im Fluss aufblitzen zu lassen. Auch wenn er auf die großen Gesten nicht gänzlich verzichtet, ist er eigentlich nicht auf sie angewiesen. Schon im Detail wird die Umklammerung der Stadt und ihrer Patronen deutlich. Zusammen zeichnen die zehn Geschichten ein düsteres und hoffnungsarmes Bild Neapels, aber auch den immer wieder aufglimmenden Wunsch, frei zu sein.

Details zum Buch:
Andrej Longo: “Zehn”, Erzählungen, 160 Seiten, C.H. Eichborn, ISBN-13: 978-3821861128, 17,95 Euro

(Photo: Pressephoto)

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