My bed = My gravity

Ein mir sehr liebgewordener Begleiter in der kleinsten Großstadt Deutschlands ist mein Bett. Inmitten all der Wirrungen und hektischen Turbulenzen, in die ich, ausgelöst durch das universitäre Leben, Behörden, Familie und die, teilweise charmanten, Verrückten, denen ich ständig über den Weg laufe, hineingespült werde, ist es eine Bastion der Gelassen- und Zeitlosigkeit, die mich, wie ein kleines Floß, mit beständiger Beharrlichkeit daran erinnert, dass es ungemein hilft, sich erst einmal zurückfallen und treiben zu lassen. Ich bin immer wieder noch erstaunt, wie häufig man sein Ziel erreicht, ohne sich auf den strapaziösen Irrsinn einzulassen. Natürlich, der manchmal erforderliche Absprung vom hölzernen Gefährt auf das Festland will nicht immer optimal gelingen. Aber darum soll es auch gar nicht gehen.

Bei meinem Bett handelt es sich um ein buchenfarbenes Futonbett mit einer 140×200 cm großen Matratze (Farbe: orange). Aus welchem Holz es wirklich ist, weiß ich nicht, wahrscheinlich aus irgendwelchem Spanplatten oder Pressholz. Das Holz, aus dem meine Gitarre gemacht ist, ist  mutmaßlich doppelt so hochwertig, mindestens. Noch nagelneu von einem mittlerweile insolventen Versandunternehmen zugestellt, war sein Aufbau eins dieser vielen ersten Male, die man Anfang zwanzig so erlebt. Das erste Mal dauerhaft fort von zu Hause, die erste eigene Wohnung und der erste alleinige Zusammenbau eines Bettes. Ein so schöner Gedanke, dass ich, trotz meiner beiden rechten Hände, mich völlig begeistert darauf stürzte, die verschiedenen Bretter zusammenzuschrauben und zu -leimen; mit ein wenig Hilfe stand das Gestell dann auch.

Nach den vielen Wochen, die ich schon in meiner neuen Wohnung lebte, wurde es auch Zeit, dass mein Bett endlich stand. Vier Wochen zuvor hatte ich es schon geliefert bekommen, aber mit einer Breite von 100 oder gar 90 Zentimetern war es mir zu klein (auch konnte ich mich nicht erinnern, so ein kleines Bett bestellt zu haben), außerdem waren einige der Bretter mit Kratern und Canyons durchzogen. Bis dann endlich ein Neues eintraf, dauerte es einen Monat. Dass die beiden „individuell montierbaren Relingbügel aus Metall“ so individuell waren, dass man mit ihnen alles machen konnte, außer sie ans Bett zu montieren, interessierte mich da schon gar nicht mehr. Es stand.

Außer darin zu schlafen und es zu einer Festung umzubauen, die einen vor allzu penetranten Hausierern oder Weltuntergangspredigern schützt (und im Zweifelsfall auch vor kriegerischen Königen Europas), war es schnell zu meinem Schreibtisch geworden. Mein mittelalterlich schmales Bett, das ich während meines Zivildienstes in einer ebenso mittelalterlichen Gegend hatte, war sicherlich nur einen halben Meter breit, nicht einmal mein gerade zu lesendes Buch passte neben mein Kopfkissen. Es waren schreckliche Nächte. Eine ganz wichtige Sache für mich, seit ungefähr 14 Jahren liegen neben meinem Kopfkissen die verschiedensten Sachen: Das Buch, das ich gerade lese, meine Uhr, mein Labello, Fernbedienungen, Armbänder, mein Handy, im Winter Taschentücher, manchmal Geld oder meine Schlüssel, selten meine Brille. Nun lagen auch unzählige Zettel und Reader aus der Uni auf meinem Bett, Stifte, Marker, Postkarten, Taschentücher, Hustenbonbons, manchmal ein Apfel, eine Birne, eine Clementine oder eine Banane, mein Laptop, Klarsichtfolien, Hefter, Stapel gekaufter Bücher, Zeitschriften und CDs, ein Photoapparat, Plektren, sechs Notizbücher (keins zur Hälfte voll geschrieben), irgendwo unter dem ganzen Wust auch mein Telefon, mein mp3-Player und ein USB-Stick. Wenn in meinem Portemonnaie mal wieder nur ein paar Cent zu finden waren, musste ich nur ein wenig hin und her räumen, und ich konnte sicher sein, dass ich irgendwo noch einen Zehn-Euro-Schein fand, manchmal sogar auch zwanzig Euro. Alles, was ich länger nicht mehr gesehen hatte, fand sich hier irgendwann wieder ein, ob Flaschenöffner, die neu gekaufte Müllbeutelrolle oder der Studentenausweis. Ein sich selbst verwaltendes Chaos. Ich brauchte eigentlich nur daliegen und zu warten.

Noch in Hamburg befand sich meine Schlafcouch, die ich irgendwann mit 13 oder 14 als Ersatz für die Überreste des Doppelhochbetts bekam, neben dem obligatorischen Babybett mein allererstes. In den Grundschuljahren habe ich mir mit meiner Schwester das Zimmer geteilt, dann, als wir jeder unser eigenes Zimmer bekamen, hatte unser Vater das Bett ressourcensparend durchgesägt, ich bekam die untere und meine Schwester die obere Hälfte (ich hatte eindeutig das bessere Los gezogen, bei der oberen und größeren Hälfte handelte es sich um einen völlig bizarren Hybrid zwischen normalem und Hochbett). Dabei fällt mir auf, dass ich gar nicht genau weiß, wie lange wir uns das Zimmer überhaupt geteilt haben. War es bis Ende der 2. Klasse? Trauriges Verschwinden schöner Kindheitserinnerungen (und vage der Gedanke daran, schon fast ein Vierteljahrhundert alt zu sein).

Meine neue Schlafcouch hatte traumhafte Maße: Eine Breite von 160 Zentimetern. Und auch hier verwischt sich die Erinnerung, kommt abhanden und ich kann wieder nur mutmaßen, wie das jetzt eigentlich war damals. Warum wollte ich so ein breites Bett? Gar wegen der Mädchen, als Ausdruck schönster pubertärer Spinnereien, vor denen man nicht gefeit war? Hatte ich meine Angewohnheit, die komfortable Liegefläche auszureizen schon vorher oder erst mit dem neuen Sofa? Seltsam, dass ich mich an so wichtige Sachen nicht mehr erinnere. Später wurde das, zumindest im Sommer, auf jeden Fall zur Notwendigkeit, weil mein Bett nur 1,85 oder 1,90 lang war und meine Füße über den Rand schauten (im Winter war das egal, da ich da sowieso nur in embryoähnlicher Stellung schlafe).

Weil meine Vorausplanungen sich auch früher schon eher auf obskure und megalomane Träume beschränkte, statt irgendwelche juristischen oder betriebswirtschaftlichen Karrierekonzeptmodelle anhand der Lebensentwicklung meiner Eltern zu entwerfen, wie das in meiner Peergroup gang und gäbe war, wurde mir auch erst bei meinem Auszug und der etwas widerwilligen Flucht über die Bundeslandgrenze bewusst, dass ich nie daran gedacht hatte, ob ich meine Couch gerne mitnehmen würde. Allerdings drückten sich die Federn inzwischen schon in Haut und direkt drunter liegende Innereien, so dass ich sie in meinem alten Zimmer zurückließ. Bis vor kurzem hab ich mir bei meinen Hamburgbesuchen noch gerne die Leber und Nieren wund gelegen, aber nun, da meine Mutter und Schwester in eine andere Wohnung gezogen sind, ist mein durchgelegenes Liegesofa nur noch Sperrmüll (und mit ihm mein altes Jugendzimmer, ein Anachronismus, den ich mir gerne noch bis zum Ende des Studiums bewahrt hätte).

Sehr unangenehmer Gedanke, war doch das Pendeln zwischen Hamburg und Hildesheim fast schon ein Übergleiten in eine andere Identität, wenn auch nicht wie bei Bruce Wayne und Batman, ja nicht einmal wie bei Peter Parker und Spiderman. Der Gedanke, noch mal nach Hamburg zu fahren, ist ziemlich abstrus, die Schlaffrage längst nicht geklärt: Wo denn, wenn ohne ein eigenes Zimmer?

Aber zurück nach Hildesheim, zurück zu meinem Bett. Die Stapel sind indessen in einen richtigen Schreibtisch (den ich viel zu selten nutze) und einige Schränke gewandert, der Mittelpunkt meines Lebens bleibt trotzdem mein Bett. Die Bettwäsche immer schön zerknautscht, findet sich hier immer noch das meiste an. Gerade: Mein Telefon, eine „to-do-Liste“ (die ich selten einhalte), eine Phototüte mit Kinderphotos, eine Fernbedienung, ein Gummiband und ein Metallklipp von meiner leeren Müslipackung, ein roter Filzstabilo, eine Geburtstagspartyeinladung, zwei Mistelzweige, eine Decke für den Winter, ein Terminkalender, ein Apfel, den ich gerade esse, Kopfhörer, „Fegefeuer“ von Sofi Oksanen und eine Pizzarechnung. Hier sitze ich mit meinem Laptop, schreibe, lösche, ordne und schreibe wieder, Unikram, Artikel für die Langeleine, Rezensionen und Texte, Texte, Texte, Ideen und kleine Fragmente kommen ins Notizbuch, ich höre Musik und versuche, der totalen Unordnung auf meinem Computer Herr zu werden (digitales Chaos ist im Gegensatz zum analogen Durcheinander ein Gräuel), träume vor mich hin und klicke mich durchs Netz. Viel zu viele Informationen, unwichtig, eigentlich.

An der Wand über meinem Bett hängen zwei Boxen, die mir mein Vater mitgegeben hat, ich schätze mal, dass die bestimmt schon 20 Jahre alt sind. Die Lautstärke geht locker bis in den Bereich Großraumdisco und nicht selten, wenn ich schon im Halbschlaf über den Tasten hänge oder noch ein Buch lese, dabei irgendetwas Klangexzessives hörend, fräst sich plötzlich ein dröhnender Basston tief in meinen Schädelknochen. Nachmittags, wenn ich von der Uni komme (aber auch sonst sehr häufig), lege ich mich auf mein Bett, mache mir Musik an, meist etwas Ruhigeres wie múm oder Air, aber auch bei den Queens Of The Stone Age oder Kaizers Orchestra schlafe ich regelmäßig und unfreiwillig ein, während meine Gedanken sich zu einem undurchdringlichen Labyrinth verästeln. Meine Matratze, anfänglich noch etwas hart, hat inzwischen einen angenehmen Weichegrad erreicht, der sicherlich nicht unschuldig an meinem koalaähnlichen Zustand ist. Leider ist mein Bett nicht das widerstandsfähigste, so dass schon mal ein Brett des Lattenrosts bricht, wenn man sich draufsetzt – momentan sind es zwei von acht. Keine gute Quote bei einem Preis, der fast schon astronomisch hoch war und besagtes Versandunternehmen gleichwohl nicht vor der Insolvenz gerettet hat. Trotz dieser kleinen Unzulänglichkeiten und dem daraus resultierenden Umstand, dass mich meine Matratze das eine oder andere Mal fast verschluckt hätte, könnte ich mir kein angenehmeres Bett vorstellen.

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Kategorien: My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „My bed = My gravity

  1. Sonja

    Ich hab mal meinen Füller im Bett vergessen und seither riesige Tintenflecke auf dem Kopfkissen.. Bei manchen Dingen sollte man vorsichtig sein, wenn sie im Bett rumfliegen!

  2. Dafür gibt es Tintenkiller! 😀

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