Unter Kontrolle

In ihrer Heimat schon lange mehr als nur ein Geheimtipp, erobert die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen mit ihrem ersten ins Deutsche übersetzen Roman „Fegefeuer“ nun auch hier das Feuilleton. Ihr Buch verbindet die Zeit während des Kalten Krieges in Estland und die gemeinsame Geschichte zweier Frauen, die sich im Jetzt begegnen.

Sofi Oksanen - Fegefeuer

Aliide Truu lebt alleine auf einen Bauernhof im jungen Estland, in dem die baltische Demokratie erst dabei ist, sich zu entwickeln. Eines Tages, während Aliide vergeblich Jagd auf eine Fliege im Wohnzimmer macht, entdeckt sie die junge Russin Zara in ihrem Garten. Trotz ihres tief sitzenden Misstrauens gegen die Menschen nimmt sie das Mädchen bei sich auf. Zara ist auf der Flucht und hat eine Odyssee hinter sich. Nachdem sie ihre Heimat Wladiwostok, ihre Familie und ihren Freund verließ, suchte sie ihr Glück im schillernden und wohlhabenden Westen. Doch statt des von zwei Gangstern versprochenen Reichtums, gerät sie in die Prostitution. Nun sucht sie Hilfe bei dieser eigensinnigen Frau, die nicht nur stoisch gegen die Fliegen kämpft, sondern auch gegen den grassierenden Diebstahl und die offene, ihr entgegenschlagende Ablehnung im Dorf. Nur langsam nähern sich die beiden an, deren Schicksal, ohne dass sie es wissen, ziemlich ähnlich ist. Während die Verfolger das Netz enger ziehen und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie die Zuflucht des Mädchens erreichen, offenbart sich, dass dieses nicht zufällig zu Aliide gefunden hat.

„Fegefeuer“ ist nicht nur die Geschichte Zaras, die Opfer falscher Versprechungen geworden ist, sondern auch die Geschichte Aliides und ihrer Schwester Ingel, die als junge Frauen im noch unabhängigen Estland aufwachsen. Unzertrennlich mit dem Anschluss an die Sowjetunion – und der zwischenzeitlichen Eroberung durch deutsche Truppen – verknüpft, beginnt der schon leicht keimende Konflikt zwischen den beiden Geschwistern zu wachsen. Hans, Ingels Mann, muss als Oppositioneller vor der kommunistischen Staatsgewalt versteckt werden. Die beiden Frauen und Ingels Tochter Linda erfahren die Unerbittlichkeit des Systems am eigenen Leib. Aliide, die schon lange insgeheim von einer gemeinsamen Zukunft mit Hans träumt, entschließt sich zu einem folgenschweren Entschluss, vor allem, um nicht mehr der männlichen Brutalität ausgesetzt zu sein, mit der man sie zu reden zwingen versucht. Sowohl Aliides als auch Zaras Schicksal gleichen sich in ihrer Elementarität. Beide sind sie Opfer eines von Männern dominierten Systems.

Oksanen schafft es mit einer bemerkenswerten Ruhe, die Okkupation Estlands mit den Erlebnissen der beiden Frauen ineinander zu verweben. Sowieso ist das Buch voller Analogien. Eine der gelungensten ist freilich die der Annexion eines souveränen Staats durch ein diktatorisches System und der Ausbeutung des weiblichen Körpers. Schnell wird klar, wieso Aliide nicht fähig ist, Zara einfach vor die Tür zu setzen. Auch die Härte und Starrheit mit der sie den Umständen in ihrem Leben kompromisslos begegnet, schälen sich in kleinen Rückblenden langsam hervor. Auf einfühlsame Weise wird die Unausweichlichkeit ihres Handels beschrieben, das Falsche statt dem Richtigen zu tun, erscheint alternativlos. Wenn es darauf ankommt, wechselt Sofi Oksanen von einer melodiösen zu einer harten, direkten Sprache, die in ihrer Notwendigkeit den Ekel, den sie offenbart, rechtfertigt. Wie der Strudel eines Abflusses wird man in die Handlung hineingezogen und die gescheite Weise, wie Oksanen uns Informationen zuführt, lässt uns keine Chance, diesem zu entfliehen.

Oksanen ist ein Buch gelungen, das sich glühend vor Intensität und Souveränität im Umgang mit Sprache an schwierige Themen wagt und sich mühelos mit ihnen auseinandersetzt. Ob es nun um die estnische Geschichte, die Auswirkung der sowjetischen Verbrechen auf die estnische Bevölkerung oder der Rolle und Bedeutung der Frau innerhalb eines politischen Systems geht, nie bekommt man den Eindruck, dass sich die Autorin zu viel aufgebürdet hat. Nicht nur darin, sondern auch in der ästhetischen Umsetzung, besteht die Stärke von „Fegefeuer“, das trotz des groß gestreckten Rahmens seine beiden Protagonistinnen nicht aus den Augen verliert. Ein wunderbares Buch, das die Hoffnung weckt, dass auch Oksanens andere zwei Bücher bald ihren Weg in hiesige Buchgeschäfte schaffen.

Details zum Buch:
Sofi Oksanen: „Fegefeuer“, Roman, 400 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462042344, 19,95 Euro

(Photo:Pressephoto)

Advertisements
Kategorien: A wall of books between us in our bed, Apis rezensiert, Decius is playing at my blog | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Bitte kommentieren Sie!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: