Kids in America

Mit „Rost“ hat Philipp Meyer einen Roman geschrieben, der sich mit dem amerikanischen Thema schlechthin auseinandersetzt: Dem „American Way Of Life“. Der hoffungslos schwärmerischen Auffassung, man könne alles erreichen, wenn man sich nur genug anstrengt, stellt er das desillusionierende Leben seiner Protagonisten in der Kleinstadt Buell, Pennsylvania gegenüber.

Philip Meyer - Rost

In den 80ern noch eine Hochburg der Stahlproduktion, ist Buell mittlerweile nur noch eine heruntergekommene und im Zerfall begriffene Stadt. Mittendrin befindet sich Isaac English, ein überintelligenter Zwanzigjähriger, der sich allein um den kranken, missmutigen Vater kümmert. Isaacs Mutter nahm sich das Leben, Schwester Lee hat längst den Absprung nach Yale gemacht und ist inzwischen verheiratet. Außerdem ist da noch Billy Poe, Isaacs einziger Freund. Er galt als bester Footballspieler der Stadt, statt jedoch an die Universität zu gehen, lebt er bei seiner Mutter im Trailer und vertreibt sich die Zeit mit Gelegenheitsjobs. Aus der Tristesse der schon lange nicht mehr träumenden Stadt will Isaac sich mit dem gestohlenen Geld seines Vaters nach Kalifornien aufmachen, ganz im Stile des Beatpoeten Jack Kerouacs zu Fuß und mit dem Güterzug. Nicht zuletzt wegen der angespannten Beziehung zu seinem Vater. Widerwillig begleitet ihn Poe eine Weile, doch ihre Reise hat ein jähes Ende. In einem alten Fabrikgebäude geraten sie an drei Männer und in eine Rangelei, die damit endet, dass Isaac einen der Männer tötet, um Poe das Leben zu retten.

Obwohl aus Notwehr geschehen, gehen die beiden nicht zur Polizei. Poe wird anstelle Isaacs verhaftet, dieser macht sich derweil ein weiteres Mal auf, um nach Kalifornien zu kommen. Anders als bei Kerouac hat seine Reise nichts Berauschendes an sich. Genauso perspektivlos entwickelt sich Poes Lage. Auch Sheriff Harris, der eine Affäre mit Poes Mutter Grace hat, schafft es nicht ihm zu helfen. Poe schweigt, fast schon besessen davon, seinen Freund nicht zu verraten, sich für ihn zu opfern und die Strafe auf sich zu nehmen, so viel, das wird ihm klar, bedeutet diese Freundschaft. Währenddessen verliert Isaac unterwegs Geld und Habe, nur Schuldgefühle bleiben ihm. Ebenfalls von Schuldgefühlen geplagt, ist die heimgekehrte Lee, der immer mehr bewusst wird, dass sie ihren Bruder sich selbst überlassen hat.

Der amerikanische Traum ist schon lange genau das: Ein Traum. Ein ferner Anachronismus aus einer Zeit, die es möglicherweise nie gegeben hat. Das Städtchen Buell hat keine Zukunft mehr, dahinsiechend zieht es auch Philipp Meyers Charaktere immer mehr hinab in die Trostlosigkeit. „Rost“ wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und besticht durch die hohe Selbstreflexion und Emotionalität der Figuren, immer wieder ziehen sich innere Monologe durch die Handlung. Hadernd mit dem Schicksal und sich selbst, fragen sie sich, was schief gelaufen, wann ihnen ihr Leben aus den Händen geglitten ist. Hier ist jeder gescheitert, aber Meyer lässt jeden auf seine eigene Art und Weise scheitern. Während Isaacs Gedanken immer flatteriger werden und er sich in einem wirren Stakkato zum Durchhalten ermutigt, sind Poes fokussierter und pragmatischer. Er erkennt seine Situation und ist gewillt, sich ihr zu stellen, um seinem Freund eine neue Chance zu ermöglichen, etwas aus seinem Leben zu machen.

Inmitten der ganzen Gescheiterten ist Philipp Meyer vor allem mit Billy Poe eine interessante Figur gelungen. Trotz guter Voraussetzungen als Footballheld der Kleinstadt, tut er das Gegenteil von dem, was alle von ihm erwarten und im Laufe der Handlung stellt er sich immer mehr die Frage nach dem Warum. Eine richtige Antwort darauf findet er nicht. Damit ist er nicht allein. Einzig Lee scheint die sich darbietende Chance ergriffen zu haben. Aber auch sie ist gescheitert, mit ihrer Flucht ins Studium und in eine Zweckehe mit einem Sohn aus reichem Hause, hat sie die Beziehung zu ihrem Bruder aufs Spiel gesetzt und sich von sich selbst entfremdet. So zieht einen „Rost“ immer mehr in ein Amerika, das nichts mehr mit dem Idealbild des schillernden amerikanischen Traums zu tun hat, sondern eher dem „klimatisierten Alptraum“ Henry Millers gleicht. Meyer ist mit „Rost“ ein bitterer und kritischer Roman gelungen, dem man auch sein etwas abruptes Ende verzeihen kann, immerhin handelt es sich um sein Debüt. In den USA schon ausgiebig als der neue, grandiose amerikanische Autor gefeiert, lässt sein Buch in der Tat Potenzial und Talent erkennen, um ihm auf Dauer einen Platz neben den anderen großen Erzählern seines Landes zu sichern.

Details zum Buch:
Philipp Meyer: “Rost”, Roman, 464 Seiten, Klett-Cotta, ISBN-13: 978-3608938937, 22,95 Euro

(Photo:Pressephoto)

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