Tausche Beziehung gegen Kunstraub

Wilfried Steiners neuer Roman „Bacons Finsternis“ beginnt mit dem Ende einer langjährigen Beziehung des Protagonisten Arthur Valentin und mündet in einem Kunstraubthriller. Eine ungewöhnliche Genremischung

Wilfried Steiner - Bacons Finsternis

Erst glaubt Arthur Valentin an einen Scherz, als ihm seine Frau während eines Kreta-Urlaubs eröffnet, sich von ihm trennen zu wollen. Aber die Beziehung ist Isabel, die sich vor allem mit Horror- und Splatterfilmen beschäftigt, nach 15 Jahren „zu eng geworden[,] spießig, ritualisiert, vorhersehbar“. Valentin versteht die Welt nicht mehr, während seine Verflossene mit Freunden ihre Habseligkeiten aus der gemeinsamen Wiener Wohnung schleppt. Er bleibt zurück. Loslassen kann und will er nicht, auch die Aufmunterungsversuche der Mitinhaberin seines Antiquariats „Maldoror“, Maia, prallen an ihm ab. Zwischen trauriger Trennungsmusik, Fast Food und Alkohol verfällt er in seiner Einsamkeit den Bildern Francis Bacons, in denen er sein Leid und Herzschmerz wiedererkennt, das Werk „Three Studies for Head of Isabel Rawsthorne“ erinnert ihn an seine Frau.

Seine Leidenschaft nimmt obsessive Züge an und er beginnt der Bacon-Ausstellung, die er in Wien besuchte, quer durch Europa zu folgen. In jeder Stadt entdeckt er etwas Neues in den Kunstwerken des bedeutenden irischen Malers. In der Tate Gallery London trifft er zufällig auf seine Ex Isabel, die mit einem seiner Antiquariatskunden dort ist. Aus den Gesprächsfetzen, die er belauschen kann, wird ihm klar: Hier steht ein Kunstraub bevor. Obwohl er sich noch immer nicht von Isabel losmachen kann, beginnt er zu handeln. Er ruft Maia an und durch ihre Kontakte zu einem ehemaligen Scotland Yard-Ermittler geraten die beiden in eine Verfolgungsjagd, die sie bis nach Hamburg führt.

„Bacons Finsternis“ ist erst Steiners zweiter Roman, der schon seit 1977 Texte veröffentlicht, vornehmlich Erzählungen und Gedichte. Auch wenn sich die zweite Hälfte seines Romans immer mehr in Richtung Thriller verschiebt, bleibt doch die Trennung Valentins von Isabel im Fokus. Hier kann man schnell Parallelen zu anderen „Trennungschmerzbüchern“ der letzten zwanzig Jahre ziehen, beispielsweise „High Fidelity“ von Nick Hornby oder Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“. Während Hornby mit Witz und der Verschrobenheit seiner Charaktere punkten kann, und Stuckrad-Barre mit etwas Bissigkeit den Zeitgeist getroffen hat, bleibt bei Steiners Buch nur ein 48jähriger Bücherliebhaber, der sich nach seiner ehemaligen Liebsten sehnt wie sonst nur ein gerade in die Pubertät geratener Jugendlicher. Ein wenig Intertextualität und popmusikalische Bezüge – Damien Rice als der Patron aller jemals Verlassener –, einige Dialoge, die schon zum Fremdschämen einladen, und eine doch etwas zu arg konstruierte Geschichte. Ein schreckliches Buch? Nein.

Hier ist vieles mittelprächtig: Vom Dialog über die Sprache bis hin zu den Figuren. Die drei Hauptcharaktere bleiben blass, Maia als, durch einen Unfall, gescheiterte Malerin macht es einem noch am einfachsten, sie sympathisch zu finden. Was Valentin an Isabel findet, bleibt sein Geheimnis, ihre Schrulligkeit wirkt weniger sympathisch als vielmehr borniert und abgehoben. Das einzige, was er für sie ins Feld führt, sind ihre wundervollen Haare und ein Bad Religion-T-Shirt, das sie trug, als er sie das erste Mal sah. Valentin selbst handelt konsequent unberechenbar und launisch, dabei seine Isabel und der von Tagträumen begleiteten Hoffnung, diese kehre zurück, im Hinterkopf. In seiner Paranoia und seinem Liebeswahn kommt er dann tatsächlich dem geplanten Kunstraub auf die Spur.

Überraschenderweise ist der zweite, als Thriller konzipierte Teil nicht nur der spannendere, sondern außerdem der bessere. Obgleich die Geschichte immer noch dem Strohhäuschen eines der drei Schweinchen gleicht, lässt sie sich doch um einiges angenehmer lesen. Dafür sorgen auch die eingestreuten Informationen zu Francis Bacon. Dass man zwischendurch schon mal an Dan Brown minus religiöse Verschwörung denken muss – geschenkt. Insgesamt erzählt Steiner Valentins und Maias Jagd nach einem Bild Bacons solide und, wenn er Bezug auf Francis Bacons Leben nimmt, auch interessant. Leider ist ihm das Beziehungsdrama reichlich misslungen, ansonsten wäre „Bacons Finsternis“ ein ganz annehmliches Buch geworden. So driftet es doch zu sehr in Klischees und Mittelmäßigkeit ab. Und gibt es für ein (Kunst-)Werk etwas Schlimmeres, als mittelmäßig zu sein? Eben.

Details zum Buch:
Wilfried Steiner: „Bacons Finsternis“, Roman, 288 Seiten, Deuticke, ISBN-13: 978-3-552-06144-6, 19,90 Euro

(Photo: Pressephoto)



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