Die unerträgliche Beurteilung des Kritikers

Ganz nebenbei bringt Dean Koontz mit „Blindwütig“ einen weiteren Roman heraus und erhöht die Anzahl seiner seit 2000 erschienenden Bücher auf fast 20. Sein Gesamtwerk dürfte sich mit großen Schritten dem hundertsten Buch nähern. Und wieder beweist er: Eine Type wie ihn muss man lange suchen

Dean Koontz - Blindwütig

Die Grundhandlung von „Blindwütig“ ist schnell erzählt: Der Schriftsteller Cubby Greenwich lebt mit seiner wunderschönen Frau Penny, dem gemeinsamen, hochintelligenten sechsjährigen Sohn Milo und dessen Hund Lassie ein Bilderbuchleben und feiert mit seinem neuen Buch „One O’Clock Jump“ große Erfolge. Von allen Seiten wird er mit Lob überhäuft. Kein Grund zu klagen also, wäre da nicht der Literaturkritiker Shearman Waxx, der Greenwichs Roman gnadenlos verreißt. Gegen jeden Rat kann der Schriftsteller die Kritik nicht auf sich beruhen lassen und so kommt es, wenn auch ungewollt, zu einem Treffen der beiden auf der Herrentoilette eines Restaurants. Waxx hat nicht viele Worte übrig für den von ihm Verschmähten; „Verdammnis“, das ist das einzige, was er sagt. Und hier nimmt das Unheil seinen Lauf: Der Kritiker bricht in das Haus der Greenwichs ein, verbrennt erst das Lieblingsfamilienphoto im Herd, und traktiert Cubby und Penny in der Nacht mit Elektroschockern. Am Morgen darauf können der Schriftsteller und seine Familie in letzter Minute fliehen, bevor ihr Haus in die Luft gejagt wird. Letzte Zweifel, dass Waxx ein Psychopath übelster Sorte ist, sind ausgeräumt und es beginnt eine Hetzjagd durch Kalifornien, bei der der Kritiker jeden Schritt seiner Opfer vorauszusehen scheint.

Der Plot ist sicher nicht weltbewegend, für einen Psychothriller, als der „Blindwütig“ beginnt, aber durchaus solide. Mit einigen Finessen kann man genug Spannung aufbauen, während man seine Figuren von Zufluchtsort zu Zufluchtsort jagt. Koontz ist jedoch, wie schon erwähnt, nicht irgendein Schriftsteller, der es dabei belässt, einen spannenden Psychothriller zu schreiben. Mehr, viel mehr, immer mehr, das ist seine Divise. Man kann ihn am besten mit einem irren Gerechtigkeitsfanatiker vergleichen, der mit seinem Auto wahllos durch eine Shopping-Mall brettert, ein paar schlechte Menschen werden schon unter den Opfern sein. Ebenso nimmt sich Koontz einen Klumpen Ideen und knallt sie zwischen die Buchdeckel – ein paar gute werden schon dabei sein. So entwächst der Psychothriller zu einer riesigen Verschwörung einer dubiosen Agency, in der so ziemlich jede Behörde und Institution verwickelt ist. Das für sich ist natürlich noch keine große Sache, ist das doch genau Koontz’ Milieu: Verschwörungen, vor allem seitens der Regierung. Was die Charakterisierung der Figuren angeht, kann man nicht einmal mehr von überzeichnet oder Klischee reden, hier werden jegliche irdische Ketten gesprengt. Milo, der sechsjährige Sohn der Greenwichs, ist ein solches Genie, vor allem im Bereich Physik und Mathematik, dass er schon sein Highschool-Diplom an der Wand hängen hat. Nebenbei bastelt er an hochkomplexen Maschinen. Das komplette Gegenteil davon ist Cubby, der zwar schreiben, aber keinen Toaster bedienen kann, ohne das halbe Haus in Flammen zu setzen. Dass Hund Lassie (übrigens kein Collie, sondern Australischer Schäferhundmischling) sich an verschiedene Orte teleportieren kann, fällt da fast gar nicht mehr auf.

Über die Figur des Kritikers Waxx braucht man nicht viele Worte verlieren. Bei so viel Boshaftigkeit muss wohl selbst Luzifer schlucken. Wieso es Waxx zu einem der renommiertesten Literaturkritiker der USA schafft, obwohl er scheinbar nicht einen einfachen Hauptsatz gerade aufs Papier bekommt, sein Satzbau „gar nicht gut“ ist, und es in seinen Kritiken vor inhaltlichen Fehlern nur so wimmelt, wird das Buch über nallerdings nicht klar. Das ist bei Koontz aber auch egal. An einer Stelle des Buchs heißt es: „In Romanen wirken Zufälle nur selten glaubhaft, aber im Gewebe der Realität stellen sie einen wichtigen Faden da.“ Man muss sich Koontz also als einen Realisten vorstellen, anders ist es nicht zu erklären, wie selbstverständlich er den Zufall zur Hilfe nimmt, um seine Helden aus einer schier unausweichlichen Lage entwischen zu lassen. Folgerichtig wird das sowieso völlig diffuse Grande Finale von „Blindwütig“ mittels Deus-ex-machina aufgelöst.

Der Leser bleibt unbefriedigt zurück. Ein Dean Koontz kennt keine Skrupel und haut in seine Bücher, was er zwischen die Finger bekommt. Der Erfolg mag ihm Recht geben, circa 17 Millionen verkaufte Bücher pro Jahr sprechen eine klare Sprache. Nichtsdestotrotz platzt „Blindwütig“ schon aus allen Nähten vor lauter Ideen, die größtenteils unnötig und vor allem unglaubwürdig sind. Wo fängt man an? Bei der Zeichnung der Figuren? Bei dem völlig aus dem Ruder laufenden Plot? Oder bei den absolut irrsinnigen Beweggründen der Agency? Hätte der Autor des Buchs sich daran gehalten, von Anfang bis Ende einen Psychothriller durchzuziehen, wäre mit Sicherheit ein spannender und kurzweiliger Roman dabei herausgekommen. So lässt „Blindwütig“ einen nur sprach- und fassungslos zurück.

Details zum Buch:
Dean Koontz: „Blindwütig“, Roman, 432 Seiten, Heyne, ISBN-13: 978-3-453-26654-4, 19,99 Euro

(Photo: Pressephoto)

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Kategorien: A wall of books between us in our bed, Apis rezensiert | Hinterlasse einen Kommentar

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