Scarletts Schuhe

Mit „Anywhere I Lay My Head“ hat Scarlett Johansson 2008 ihr erstes Album aufgenommen. Bis auf eine Ausnahme handelt es sich bei den Songs um Coverversionen des Meisters des kratzigen Blues, Tom Waits

Scarlett Johansson - Anyway I Lay My Head

Eigentlich als Schauspielerin bekannt, hatte Scarlett Johansson ihren großen Durchbruch an der Seite von Bill Murray im grandiosen „Lost in Translation“ und stand mittlerweile bei drei Woody-Allen-Filmen vor der Kamera. Johansson ist nicht nur in der Glamourwelt Hollywood angekommen, sondern hat auch abseits davon in der verschrobenen Independentpopkultur neurotischer Großstädter ihren Platz gefunden. Nachdem sie schon 2006 kurz Filmset gegen Studio eingetauscht und den Evergreen „Summertime“ neu vertont hatte, erschien zwei Jahre später ihr Debüt „Anyway I Lay My Head“, auf dem Tom Waits, seines Zeichens knarziger und verschrobener Spelunkenbluesmusiker und einflussreiches Idol nachfolgender Musikergenerationen, ihre Ehrerbietung erweist. Sie ist damit nicht die erste (u.a. Rod Steward, Ramones, Queens Of The Stone Age), die sich dieser schweren Aufgabe annimmt. Waits Stimme klingt wie eine jahrelang in Whiskey und Zigarettenrauch eingelegte, rostige Säge und ist eine der unverkennbarsten der Rockmusik. Der Versuch, die Intensität von Waits zu erreichen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Johansson probiert jedoch gar nicht erst, sich mit Waits zu messen und interpretiert seine Songs völlig um.

Vielleicht sollte man nicht von Scarlett Johanssons Album sprechen. Mindestens zur Hälfte muss dieses Album auch David Sitek angerechnet werden. Sitek ist Kopf, Herz und Seele der Experimentalrocker von „TV On The Radio“, die der immer mal wieder sterbenden Rockmusik um die Jahrhundertwende stützend unter die Arme gegriffen und ein paar bemerkenswerte Alben herausgebracht haben. Unüberhörbar ist sein Einfluss bei den umarrangierten Songs, die häufig nicht mehr allzu sehr nach Waits klingen, sondern eher schon nach Siteks Hauptband. Die Eigenkomposition der beiden, „Song For Jo“, fügt sich so nahtlos ein, dass sie ebenfalls Waits-Song sein könnte – oder eben auch nicht. Das Album beginnt mit dem Instrumental „Fawn“, das mit Tamburin und Windspiel vor sich hinklimpert, bis im zweiten Song „Town With No Cheer“ das erste Mal Johanssons Stimme erklingt, unerwartet tief und distanziert. Langsam und zäh zieht er sich hin, als fiele es ihm schwer, sich seinem Ende zu nähern. Einen besonderen Gast gibt es im Folgenden „Falling Down“ und später in „Fannin Street“ zu hören, nämlich einen der größten Bewunderer von TV On The Radio: David Bowie. Interessanterweise gibt Bowie nicht den Duettpartner Johanssons, sondern übernimmt den Backgroundgesang. Mit seiner zurückhaltenden, aber warmen Stimme gibt er den perfekten Kontrastpart zu der kühlen, fast monotonen Johansson.

Diese ist, das wird schnell klar, keine besonders große Sängerin, ihr Gesang nicht allzu fassettenreich. Dass das kein Problem ist, liegt vor allem daran, wie Sitek die einzelnen Songs auseinander genommen und dann wieder zusammen geschraubt hat. „Anywhere I Lay My Head“ ist das, was man in der Popmusik allgemein als „Grower“ bezeichnet. Erst nach mehrmaligem Hören entfaltet sich das Album, das neben TV On The Radio auch Anklänge an Bowies „Berliner Trilogie“, „The Velvet Underground“ und besonders an Shoegazer-Bands wie „The Jesus And Mary Chain“ (mit denen sie übrigens für einen Gastauftritt schon mal auf der Bühne stand) und „My Bloody Valentine“ hat. Das schleppende Schlagzeug, die manchmal kaum in Tritt kommenden Gitarren und immer wieder klimpernde Instrumente wie das Glockenspiel und die Kalimba schaffen mit Johanssons unnahbarem Gesang eine (alp-)traumhafte, sphärische Stimmung, die mit Tom Waits häufig nur noch wenig zu tun hat, ihm dadurch jedoch alle Ehre macht. Johansson und Sitek ist hier eine schräge Hommage an den großen Tom Waits gelungen, die, nach kurzem Anlauf, durchweg überzeugt.

Wen es interessiert: Den Text habe ich als Studienleistung für das Seminar „Kulturjournalismus Musik“ geschrieben und eine 1,3 dafür bekommen. Die Überschrift habe ich beim Abgeben – natürlich – vergessen.

(Photo: Pressephoto)

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Kategorien: Apis rezensiert, Es ist einfach Rockmusik | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Scarletts Schuhe

  1. Sara

    Hier bei dir geht’s ja richtig rund! Habe nun sehr gerne deinen Blog in meine Lesezeichenliste eingefügt. Liebe Grüße, Sara

  2. Vielen Dank für deine lieben Worte, wenn auch das „rund gehen“ Definitionssache ist – dürfte natürlich alles noch ein wenig mehr sein. Aber in meinem Alter kann man da vielleicht auch nicht mehr so viel erwarten … 😉

  3. Sara

    Naa..hier könnte sich doch mehr tun?

  4. Ich behaupte das zwar in regelmäßigen Abständen, aber hier ist bald wieder etwas mehr Pipapo am Start. Bin gerade dabei, etwas vorzubereiten und dann gibt es wieder mehr zu sehen. Für eine Woche oder so. 😉

  5. martinhofstetter

    Na?

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