Hildesheimer Mottenkiste: I. Unibeginn

Hier kommt der erste einer Reihe von Texten, die es nicht über den „unfertig“-Ordner hinausgeschafft haben – bis jetzt natürlich. Letztes Jahr im November geschrieben, ist er, obwohl vor knapp eineinhalb Monaten das neue Wintersemester begonnen hat, erschreckend unaktuell. Ich sitze lediglich in einem Seminar, über meine Scheinsituation habe ich einen groben Überblick und bis zwölf schlafe ich höchstens dann noch, wenn ich am Abend lange weg war. Aber auch das ist selten, das Vordiplom, das ich bisher immer „im nächsten Semester“ machen wollte, steht an, die erste Prüfung ist sogar schon terminiert. Wenigstens Hildesheim bleibt trostlos als wie zuvor, meine Besuche in Hamburg hingegen sind an zwei Fingern abzuzählen. Jedoch, bevor ich abschweife, erstmal der Text:

Unibeginn

Mit den kaltnassen Tagen des Herbstes kommt auch der Gedanke an die Uni, der sich flackernd und vergilbt wie aus einem früheren Lebensabschnitt schält. Über drei Monate ist das Sommersemester nun her, drei lange Monate, in denen ich nichts gemacht habe und doch zu nichts gekommen bin, so viel stand an. Oder nicht? Erinnerung, sprich! Und nun, nach so langer Zeit, ins neue Semester, ins ungeliebte Wintersemester, das Hildesheim in seiner trostlosen Nacktheit zeigt und das Feuer der Sehnsucht im Herzen nach Hamburg ins schier Unerträgliche steigen lässt (und einen immer verleugneten Pathos gebärt). Wie häufig war ich dieses Jahr in Hamburg? Oder vielmehr, wie selten? Ich befürchte, meine Besuche (I’m like a stranger, like a stranger in my own home town) kann ich an zwei Händen abzählen.
Während die meisten meiner Freunde in anderen Städten schon wieder in den Hörsälen sitzen, schlafe ich bis zwölf Uhr mittags, bleibe liegen und lese ein Buch bis halb zwei. Dieses Mal beginnt die Vorlesungszeit erst gegen Ende Oktober, am Fünfundzwanzigsten (und nicht in der Mitte des Monats). In der Woche davor war Einführungswoche der Erstsemester, aber ich gehe nicht hin, das letzte Mal war ich da vor drei Jahren, in meinem ersten Semester. Erstie-Sightseeing überlasse ich den anderen, man sieht sie ja doch früh genug. Dennoch, der erste Uni-Tag steht unmittelbar bevor. In meinen Träumen fahre ich überdurchschnittlich häufig Bus (und – seit kurzem besitze ich nun eins – Fahrrad), gehe zur Uni oder sitze in Seminaren (die Domäne Marienburg, an der viele der Seminare stattfinden, taucht übrigens in Variationen immer wieder als Schloss auf einem Berg auf, manchmal sogar mit imposantem Burggraben und Zugbrücke), für die ich häufig vergessen habe, mich anzumelden. Ich wache zwar nicht schweißgebadet auf, aber eine Woche vor Fristende melde ich mich schließlich an. Mein Stundenplan ist zum Erbrechen voll, ich verlasse morgens das Haus und komme abends um 20 Uhr zurück, die besten Veranstaltungen überschneiden sich natürlich.
Irgendwann ist auch mein Studium zu Ende, nur noch drei Semester und der Tag, an dem ich scheinfrei bin, rückt in greifbare Nähe. Nach zwei Wochen pegeln sich die Semesterwochenstunden gewöhnlich auf ein erträgliches Maß herab, da ich die meisten Veranstaltungen sowieso nicht mehr besuche. Wie jedes Mal nehme ich mir vor, meine Seminare und Vorlesungen an den noch fehlenden Scheinen auszurichten, aber lass es dann doch sein. Brauche ich noch einen oder zwei Scheine in Medien? Und wie sieht es in Literatur aus? Ich bleibe weiter unwissend.
Der erste Unitag beginnt gewohnt spröde. Das erste Seminar um zehn Uhr, der Wecker klingelt um acht, ich ziehe mir die Decke über den Kopf, aber ich kann nicht gleich in der ersten Sitzung fehlen, und nach einer Stunde stehe ich auf. Der Bus gleicht einmal mehr einem Viehtransport, der keiner Europa-Richtlinie standhielte, ebenso der Seminarraum, wo mir nur ein Fensterplatz bleibt. Mein einziges Medienseminar in diesem Semester – und ich kriege es nicht. Ein dubioses Auswahlverfahren per Mail, das keiner durchblickt, reduziert die Teilnehmerzahl von über 100 auf 50. Beruhigend: Man ist nicht der einzige, der auf der Strecke bleibt. Jeden Tag wieder in der Stadt zu sehen.
Wenigstens in die anderen beiden Veranstaltungen am Montag komme ich rein, auch wenn es in der obligatorischen 14 Uhr-Kunstvorlesung unmöglich ist, noch einen freien Platz zu bekommen, also staple ich mich unter die Decke. Mit zuckenden Augenlidern und masochistischem Genuss ertrage ich die Erstsemester und die unzähligen Fragen zu ihrer Prüfungsordnung, die ihnen unbekannt ist und unbekannt bleiben wird. Schwerer Anfängerfehler: Dozenten und Professoren fragen, die haben noch weniger Ahnung als man selbst. Dann lieber auf gut Glück studieren.

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Kategorien: Mottenkiste, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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