Ein Requiem für das schlechte Pöbeln

Ich weiß nicht genau, ob es an Hildesheim selbst liegt, dieser grauen, unscheinbaren Stadt in der südniedersächsischen Pampa, oder doch am dem ungesunden Konglomerat der hier gestrandeten Menschen, vielleicht fällt es mir auch nur besonders auf, weil meine Besuche in Hamburg (und anderen Städten) nur noch kurze Ausschnitte aus einem gemeinschaftlichen Stadtbild zeigen und die Makel so zwangsläufig kaschiert und unsichtbar werden, oder es hat gänzlich andere Gründe, jedenfalls fällt mir immer wieder von Neuem diese schier unerträgliche Unfreundlichkeit der Menschen, die hier leben, auf, wobei dieser Zustand mit Unfreundlichkeit noch sehr höflich umschrieben ist. Sie scheinen voller Neid und Missgunst, voller Missgunst und Neid, unzufriedene, hasserfüllte Seelen, die sie sind. Habe ich mich doch erst kürzlich fürs Pöbeln ausgesprochen, muss ich meine Meinung zumindest etwas revidieren. Pöbeln kann Spaß machen, wunderbar klebriglecker sein wie Zuckerwatte oder karamellisierte Äpfel, aber es gilt, wie für so vieles im Leben: sofern man es denn richtig macht. Das es auch mal unter die Gürtellinie gehen kann – geschenkt. Wer so schön pöbelt wie etwa die Gallagher-Brüder oder sich wie Thomas Bernhard in endlosen Litaneien der Abscheu ergeht, darf/kann/(vielleicht sogar) muss auch mal übers Ziel hinausschießen. Pöbeln kann wie ein schönes Gedicht oder Gemälde sein. Problematisch wird es nur, wenn der Pöbel pöbelt. Wobei das nicht ganz stimmt, denn es ist ja sind nicht nur das Prekariat, sondern auch und vor allem immer und immer wieder der Herr im Businessanzug oder die genervte Sekretärin, die ihre Mittagspause im Supermarkt verplempert, um Kaffeemilch zu kaufen und geht das denn jetzt nicht alles mal schneller und lassen Sie mich gefälligst vor, ich habe nur noch eine halbe Stunde. Wenn man nicht gerade auf dem Fahrrad sitzt und somit schon über alle Berge ist und nur noch Wortfetzen hört, die einem – der StVO unkundigen – Halbaffen hinterhermotzen, weil diese noch nie einen Fahrradweg oder eine Straße gesehen, geschweige ihre Bedeutungen begriffen und/oder ihre Kindheit ohne Rolf Zuckowski verbracht haben, denn er singt ja nicht umsonst:

Aus dem Haus, gradeaus,
an der Fahrbahn bleib ich stehn.
Ich seh nach links und rechts und links,
wenn alles frei ist, kann ich gehn.

Muss man sich natürlich nicht dran halten, darf sich dann aber auch nicht wundern, dass es zur rettenden Vollbremsung nicht mehr reicht. Anders sieht es z.B. an Ampeln oder in Kaufhäusern aus, denn auch diese bergen großes Potenzial, um bei überkorrekten Verfechtern der öffentlichen Ordnung die allseits beliebte Platzwartmentalität hervorzurufen, die es der gemeinen Küchenschabe gleich geschafft hat, sich aus den dunklen Dreißiger Jahren bis in das 21. Jahrhundert zu rotten und dabei gefühlt auch noch ins Unendliche zu potenzieren. Man muss kein alter Mensch dafür sein, aber man kann. Und Regelverstöße lauern an jeder Ecke. Einen Apfel essen im Bus – obwohl Essen im Bus verboten ist? Stört keinen, aber immerhin geht es ums Prinzip. In solchen Fällen kann nur geraten werden, zurückzupöbeln und/oder den advokatischen Ereiferer gepflegt auflaufen zu lassen. Auch muss schließlich gelten: Wir lassen uns das Pöbeln nicht nehmen! Schwieriger sieht es als Angestellter aus. Wer schon einmal die beiden Sätze „Der Kunde ist König!“ und „Wir bleiben immer höflich!“ in Kombination gehört hat, weiß, was ich meine. Leider neigen einige Könige zu einem hohen Rumstressfaktor gegenüber ihren Fußvolk bzw. den Bediensteten. Es wird aufs Übelste geschimpft und beleidigt, doch statt der angemessenen Gegenreaktion wird stoisch drüber hinweggehört. Natürlich mag ich das Mädchen von Kasse vier auch freundlich1, aber wenn König Otto meint, zehn Minuten vor Ladenschluss noch den Monatseinkauf für die Großfamilie machen zu müssen, dann darf sie auch gerne mal grantig werden. Aber eben auch, wenn der Kunde ausfallend wird, denn „Der Kunde ist König!“ mag zwar bis zu einem gewissen Grad stimmen, ab dort ist es jedoch nur noch marktkonformistische Kapitalismusscheiße, die von fetten Schweinen in ihrer unermesslichen Gier nach jedem hinterletzten Euro und Cent in Angestelltenköpfe reingefräst wird, bis auch der letzte ungehobelte Trottel hofiert wird, als gehöre ihm die ganze Welt (oder zumindest einer der größeren Kontinente), und der, in seiner dadurch ins Endlose anwachsenden Megalomanie bestätigt, nicht nur den Finger, sondern gleich die ganze Hand nimmt. Hier macht er jedoch noch lange nicht halt, sondern will immer mehr, mehr, mehr, bis er sich bis hin zur Unkenntlichkeit vollgefressen hat (aber wird ihn das aufhalten, weiterzumachen? Nein, natürlich nicht. Der ungehobelte Trottel frisst erbarmungslos weiter.) Und das kann niemand, der noch einigermaßen bei Verstand ist, wirklich wollen. Darum für alle: mehr Mut zum Zurückpöbeln!

1. Die völlig aufgesetzte, perverse Freundlichkeit – vor allem in Großketten –, die manchmal schon psychopathische Züge annimmt, ist ein ganz anderes Thema. Wer kann so was ernsthaft wollen?

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Kategorien: Menschen haben keine Ahnung, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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