Hildesheimer Mottenkiste: II. Hurricane Festival 2010: Donnerstag (erster Tag)

Und schon der nächste, unvollendete Text, diesmal der Festivalbericht für das Hurricane 2010, der über den ersten Arbeitstag nicht hinauskommt. Zeitgeschichtlich finden ein, zwei Ereignisse aus dem Jahr drin Erwähnung, die ich schon wieder vergessen habe und natürlich die Fußball-WM 2010 (nicht vergessen). Ansonsten bleibt in Erinnerung: Es war staubig. Und kalt. Hier der Text:

Hurricane Festival 2010: Donnerstag (erster Tag):

Der Sommer steht mal wieder vor der Tür und zaghaft klopft er an, fragt, ob er kurz einen Blick hineinwerfen darf, bleibt trotzdem draußen stehen, geniert sich, setzt einen Fuß vor den anderen, unschlüssig, ob er sich wirklich hereinwagen soll. Dann setzt er die linke Fußspitze ins Haus, berührt den Teppich und zieht den Fuß letztendlich zurück. Genau in diese Zeit fällt meine zweite Enterung der sommerlichen Festivalwochen mit den Klangpiraten. Wie schon letztes Jahr beginnt meine Beutesuche auf dem Hurricane, welches ich mittlerweile zum fünften Mal besuche, dreimal davon als Gast. Eine alte Erinnerung, so verschwommen wie die unserer Großväter, als sie die Fußballergebnisse noch ausschließlich über das Radio erfuhren, eine Zeit, in der selbst Vereine wie Hertha BSC Berlin und der Dresdner SC mehr Meisterschaften vorweisen konnten als der jetzige Rekordmeister aus München. In etwa so absurd kommt mir der Gedanke vor, dass ich damals mehrere Ewigkeiten wartend am Bändchenzelt stand, zwischen unzähligen Zelten mein eigenes nicht mehr wiederfand1 und mich in lange Schlangen einreite, um mich zu duschen oder auf eine der schmutzigen Toiletten zu gehen, eine von zu Hause mitgebrachte Rolle Klopapier (wie viele Leben bzw. Hosen hat meine weise Voraussicht wohl gerettet?) in der Vordertasche meines abgegriffenen Kapuzensweatshirts. Wie schön sind doch die Privilegien eines Crewcampingplatzes mit überschaubaren Mitcampern und recht sauberen Sanitäranlagen.
Die auf der Homepage des Hurricane Festivals angegebene Zeltplatzöffnung um 20 Uhr am Donnerstag ist ein Witz, ob nun ein guter oder ein schlechter, da bin ich mir nicht sicher. Der Tag beginnt für mich jenseits von Jedem um halb sechs in der Früh, um zehn fängt meine erste Schicht an. Die Zugfahrt nach Scheeßel überstehe ich nur in charmanter Begleitung. Noch völlig schlaftrunken irre ich auf der Suche nach dem Eingang Süd an noch leeren Rasenflächen vorbei, die in wenigen Stunden mit Zelten, Müll und Menschen gepflastert sein werden. Es ist natürlich nur noch ein paar Minuten hin bis 10 Uhr, es ist hoffnungslos, ich werde niemals rechtzeitig da sein können. Da halten zwei Mädchen und nehmen mich im Auto mit. Wir entfernen uns aberwitzig weit von den Campingplätzen, aber ich mache mir keine Sorgen, denn die beiden scheinen zu wissen, was sie tun, zumindest mehr als ich. Und genau so ist es. Ich komme pünktlich an, bedanke mich bei den zweien und bin bereit für meine Schicht. Es müssen Bänke, Tische und Absperrgitter geschleppt werden, echte Männerarbeit. Ich fühle mich wie 1954. Das Ganze ist schnell erledigt und ich lege mich eine Runde im Zelt pennen, das ich mit meiner Freundin teile. Ihr Dienst startet um zwölf, mein nächster um 14 Uhr. Als ich wieder bei der Station ankomme, sitzt eine Handvoll Mädchen im Bändchenzelt – und macht nichts. Spontan wünsche ich mir, schon um zwölf mit dem Geldverdienen Arbeiten angefangen zu haben.
Aber schon wird der Run eröffnet. Die ersten Festivalgänger stürmen die Tische und stellen sich wie immer nur vorne an. Schnell das Bändchen um, dann raus und rauf auf den Campingplatz. 20 Uhr ist noch so weit weg wie eine befriedigende Einigung beim Klimagipfel. Dieses Jahr werden einige der Tickets gescannt, das klappt auch ganz gut, nur leider hat niemand Famila Bescheid gegeben. Die dort gekauften Karten lassen sich nicht scannen und der Code muss von Hand eingegeben werden – unzählige Jugendliche erleiden einen inneren Herzinfarkt (und, als wir Entwarnung geben können, vielleicht auch einen inneren Reichsparteitag?). Wer sich ein Hardticket bestellt hat, erspart sich manches Bangen. Draußen scheint die Sonne erbarmungslos auf die Wartenden und am Haupteingang im Norden fallen sie sicherlich schon wieder um wie Dominosteine. Der schlammige Boden der letzten Jahre ist nun einer zentimeterdicken Staubschicht gewichen – vielleicht ist es auch die Asche des Eyjafjallajökulls. Fleißig wird der Dreck in die Zelte getragen, unsere Tische sehen aus wie jahrzehntelang nicht geputzt und wir bald wie Kumpel aus dem Bergbau. Wenigstens hat die betrunkene Masse ein Einsehen mit uns und der Kalauer „(lautes Geschrei) Du hast meine Hand eingeklemmt!“ wird nicht gänzlich inflationär genutzt. Auch erwartet keiner von uns, dass wir darüber noch müde lächeln. Immerhin. Es wird wieder menschlicher.
Sicherlich kann man das auch auf die allgemeine, immer noch dominierende Euphorisierung zurückführen, die durch das in Ansätzen virtuose erste WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft in den verschiedensten Leuten hervorgerufen wurde. 4:0 gegen Australien gewonnen, wer soll „uns“ da noch stoppen? Keine Ahnung, aber mich stoppt sowieso keiner. Allerdings spiele ich auch gar nicht mit. Das viele Bierschleppen, das sie morgen zum Feiern für den nächsten Kantersieg gegen die serbische Auswahl brauchen, macht die Leute galanter und der ein oder andere schaut auch leicht versonnen in die Ferne.
Die ganze Glückseligkeit ist im höchsten Maße ansteckend und ich kann nicht umhin, innerlich debil zu grinsen und ein wenig mitzuschunkeln. Und ehe ich mich versehe, hab ich eine junge Frau getackert, die mich anschaut, als … ja, wie eigentlich? Nicht völlig freundlich. Ansonsten die immergleiche Routine.2 Das ist ein wenig langweilig manchmal, aber nicht schlecht, letztes Jahr beim Nordeingang war sicherlich das Zehnfache an Menge da, mindestens.
Gegen Abend wird uns dann Essen in kleinen, stilechten Styroporwarmhalteschachteln gebracht. Ich entscheide mich wegen meiner limitierten Fleischgenusswahl für das vegetarische Essen, ein mittelgroßer Fehler, denn es gibt zartes und zungenschmelzbereites Geflügelfleisch. Es dauert noch ein wenig, bis ich in den Schlafsack kann, aber immerhin hat sich der Gästestrom schon etwas verringert. Ungefähr 50 Minuten nach Ende der Geisterstunde mache ich mich dann auf dem Weg zum Campingplatz. Im Zelt ist es kalt.

1. Allerdings ist mir das nur im letzten Jahr passiert, als ich das erste Mal mit den Freimeuterern unterwegs war – ebenfalls auf dem Hurricane Festival. Um genauer zu sein: Ich hatte meine ganzen Campingutensilien bei einem mir unbekannten Mädchen ins Auto geworfen und natürlich keine Nummern mit ihr ausgetauscht. Als ich dann in der Nacht wiederkam, konnte ich sie nicht mehr finden, sodass ich bis zum Morgengrauen im Diskozelt tanzen ging. Erst am Morgen fand ich sie dann wieder. Dass mir dann im Verlaufe des Tages mein Zelt absaufen sollte, ist wieder eine andere Geschichte.
2. „Hi, deine Karte bitte, danke, so, erstmal deine Karte zurück, hier dein Müllpfand, weißt du, was du damit machen musst, und jetzt noch das Bändchen, komm mal kurz mit deinem Arm hier runter, genau so, ist das dir zu eng, ok, bitte, viel Spaß, tschüß.“

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Kategorien: Mottenkiste, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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