Hildesheimer Mottenkiste: III. This is not España

Ebenfalls nie fertig geworden ist mein Reisebericht aus Spanien bzw. dem Baskenland, genauer: Donostia-San Sebastián, einer sehr schönen und reizvollen Stadt, in der im November 2009 für circa zwei Wochen (?) irgendwen besuchen war. Leider endet er schon auf dem Flughafen München, als ich mich noch auf dem Weg nach Bilbao befinde:

This is not España

Am Donnerstagmorgen um 6:45 Uhr geht mein Flug in Hannover, also penne ich schon am Abend vorher in der niedersächsischen Hauptstadt der Tristesse. Pennen ist eigentlich das falsche Wort, vielmehr sitze ich in einem verrauchten Hinterzimmer mit düster drein blickenden Gestalten und pokere um mein Leben um höchste Geldbeträge. Einer von zwei Momenten, in denen ich gerne Boris Becker wäre, ein in Mondstein gemeißeltes Pokerface, unbesiegbar. Bei dem anderen Moment handelt es sich um den großartigen Sporttalk Becker 1:1, den unser Boris viel zu kurz beim DSF moderieren durfte – meine schönste Erinnerung war ein Interview mit Ottmar Hitzfeld, das so begann: „Herr Hitzfeld …“ eine längere kurze Pause „… wie fühlen Sie sich?“ Leider erkannte kaum einer das satirische Potenzial, welches Beckers androideske Auftreten hatte, am wenigsten wohl er selbst. So also, in Angesicht zu Angesicht mit wahren Pokertieren verspiele ich so ziemlich alles, was ich bei mir habe – glücklicherweise alles gar nicht meins. Dann, der rohen Gesetzlosigkeit entkommen, komme ich doch noch zu meiner wohlverdienten ¾ Stunde Schlaf, aus dem man mich mit flegelhaftester Folter (Waterboarding) fischt, bevor ich mich um 4 Uhr frühmorgendlichster Zeit aufmache, nach Spanien zu fliegen.
Die Halle des hannoveranischen Flughafens ist auffallend leer, nur in einigen dunklen, entlegenen Ecken entdecke ich Überreste menschlichen Lebens und ich weiß, dass es nicht mehr lange dauert, bis SIE kommen, DIE ANDEREN. Ehe ich mich versehe, kriechen SIE schon IHREN Schlupflöchern und es beginnt sich eine Schlange vor dem Check-in-Schalter zu bilden. Ich setze alles auf eine Karte und stratze los, ich werde auf keinen Fall als letzter in der Schlange stehen. Mit etwas sportlicher Härte erkämpfe ich mir einen der vorderen Plätze, werfe meinen Koffer in den riesigen Kofferaufsaugeschlund, reiße dem Personal mein Ticket aus der Hand und verstecke mich auf der Toilette, denn bis mein Flug endlich losgeht, ist es noch viel Zeit. Circa eine halbe Stunde vor Flugzeugeinlass tue ich es endlich – ich setze das erste Mal in meinem Leben einen Fuß auf Gateboden. Ein kleiner Schritt für … schon grunzt mich ein nicht optimal gelaunter Wachmann an: Mütze ab, aber schnell. Und den Schal gleich mit.
Das Warten dauert ewig. Ich hole mir eine Zeitung (Süddeutsche) und ziehe sie mir über den Kopf. An Schlafen ist jedoch nicht zu denken, alle paar Minuten kommt eine Durchsage: „Achten Sie auf Ihr Handgepäck! Geben Sie Dieben keine Chance! Achten Sie auf …!“ Inzwischen bin ich völlig paranoid und habe mir die Tragegurte meines Rucksacks um mein Handgelenk gewickelt und sie zur Sicherheit noch einmal festgetackert. Die Vielflieger blenden die Ansagen gekonnt aus und so hängen sie fahrlässig halb auf ihrem Stuhl, die BILD oder FAZ auf dem Gesicht, leises bis lautes Schnarchen durchs Papier, und ich überlege, ob ich mir ihr Handgepäck schnappen soll. Mein böses Gen aktiviert sich aber frühestens um zehn, meistens erst um zwölf, also versuche ich die Schlagzeile des Tages im Gesicht meines Gegenübers zu lesen. Selbstmord, darunter nackte Brüste. Ich spüre einen Hauch von Philosophie tief in mir: Das Leben hat immer zwei Seiten, wie eine Medaille.
Als sich die Boardingschleusen öffnen, fühle ich mich immer noch ein wenig gerührt und ich möchte meine Gedanken mit jemandem teilen. Vielleicht mit der Stewardess. Aber, denke ich dann, kann sie diese Tragweite meiner Gedanken überhaupt erfassen? Ich verstumme fürs erste.
Meine Vorfreude steigert sich ins Unermessliche, endlich werde ich die gravitierenden Ketten des humanen Daseins sprengen und auf dem irdischen Boden zurücklassen, die prometheischen Sphären der omnipotenten Freiheit berühren und mich exzessiv in der monumentalen Allmächtigkeit wälzen. Die Maschine hebt ab und nachdem ich ein wenig die pulsierenden rot-gelben Lichterstränge des mir unter den Füßen liegenden Landes betrachtet habe, mache ich auf meiner to-do-Liste einen Haken hinter „Fliegen“, lehne mich zurück und lese ein Buch. Nach einigen Seiten bewältigt mich wieder die Müdigkeit und ich falle in einen leichten Schlummer, dessen chaotischen Kriegs- und Sexträume von dem Summen der Rakete den Düsen des Flugzeugs unterlegt werden. Kaum in München angekommen, erreicht mich die Mitteilung, dass mein Flug nach Spanien entfällt. Es gibt verschiedenste Spekulationen, die auf dem Flughafen die Runde machen, jeder hat etwas anderes von (in)offizieller Stelle erfahren: Das Jahrtausendunwetter (Temperaturen um den Gefrierpunkt, leicht bewölkt), das es unzähligen Flugzeugen (unserem) unmöglich macht, zu starten, Defekte der Maschine, vielleicht aber auch eine zu geringe Auslastung des Fluges, so dass es sich für die Fluggesellschaft nicht lohnt. Wie auch immer, der Flug fällt aus, also laufe ich mit wehendem Mantel und einem Becher Kaffee, den ich an den kostenlosen Kaffeestellen alle 2-3 Minuten nachfülle, zu einem der Schalter und echauffiere mich lautstark. Die Frau am Schalter bricht weinend zusammen, entschuldigt sich unaufhörlich und bittet mich demütig, einen Zwischenstopp in Stuttgart machen, auch wenn ich Spanien so zwei Stunden später erreiche.

Advertisements
Kategorien: Mottenkiste, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Bitte kommentieren Sie!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: