Town of the living dead

Meine Einstellung gegenüber Hildesheim als ambivalent zu beschreiben, ist sicherlich sehr beschönigend ausgedrückt, immerhin habe ich die Stadt schon häufiger als „Höllenloch“, „schlimmste Stadt Deutschlands/der Welt“, „wahre Geißel der Menschheit“ oder „grottigsten Fleck der Erde“ bezeichnet. Hildesheim ist nicht schön, bei weitem nicht, und nur mit sehr viel Liebe (die auch erstmal woher kommen muss) kann man sagen, dass Hildesheim eine okaye Stadt ist. Natürlich ist das nicht ganz fair. Klar verliert Hildesheim im Vergleich zu Hamburg, aber das ist nicht der Grund; immerhin verlieren den nicht wenige Städte, die ich trotzdem mag und in denen für eine längere Zeit zu leben ich mir durchaus vorstellen kann.1 Selbst Hildesheim hat natürlich seine schönen Ecken, ebenso wie Hamburg seine hässlichen, ungemütlichen Plätze hat. Und jeder der kurzen Besuche zu Hause hat immer auch etwas Revisionistisches, Verklärendes an sich, da durch die begrenzte Zeit nur die rosinigen Momente herausgepickt werden, wenn man sich z.B. mit seinen alten Freunden an alten Plätzen trifft, denen man eine aufgeladene Bedeutung zuspricht, oder an vergangene Augenblicke denkt (die im Rückblick ebenfalls idealisiert und somit schöner werden, als sie vielleicht waren). Genauso, wie ich Hamburg mit einer gewissen, wohlwollenden Subjektivität betrachte und immer betrachten werde, bekomme ich diese intuitive Abneigung, die sich seit meinem ersten Tag in Hildesheim eingenistet hat, weder aus Kopf, Herz noch Magen (und wo sich Abneigung noch überall im Körper festsetzt). Während Hamburg die verflossene, aber noch immer wundervolle Liebe ist, an der man alle anderen Beziehungen misst und zerbrechen lässt, und mit der man es jeder Zeit wieder versuchen würde, ist Hildesheim – ja, was eigentlich? Der Tropf und Tischnachbar in der Schule mit den dreckigen Zähnen und den vom Salamibrot ständig schmierigen Griffeln, der einen zu seinem besten Freund erklärt und jedes Jahr wieder zu seiner Geburtstagsfeier mit den Eltern einlädt? Oder doch der in seinem Trübsinn gestrandete arme Irre, gegen den sich die Welt verschworen hat, und der sich in der Bahn neben einen sitzt, um jemandem seine gescheiterte Existenz mitzuteilen? Hildesheim ist voller Krankheit, hält sich aber irgendwie doch am Leben. Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich überall Ruinen. Zerfressene Fassaden und dahinsiechende Ladenzeilen. Aus dem Sexshop wird ein türkisches Wettbüro wird eine mit Plakaten beklebte Installation der Trostlosigkeit im öffentlichen Raum. Das Irish Pub, in dem wir meist die Spiele von Borussia Dortmund geschaut haben, hat genauso dicht gemacht, wie die blaue Kneipe, in der wir letzte Saison notgedrungen das 0:0 im Derby sehen mussten (um letztere ist es nicht schade). Auch die 70er Bar hat dicht gemacht. Und …
Wie eine virile Depression überträgt sich die Stadt in die Köpfe der Menschen, zersetzt sie von Innen und lässt sich nicht mehr los. Hier kommt keiner davon, Flucht nur noch in den Wahnsinn möglich. Wer scheitert, steht nicht wieder auf. Klar, ein Zerrbild, nur ein Ausschnitt. Wenn man im Sommer am Kahlenberger Graben sitzt und ein Buch liest, wenn man mit Freunden an der Tonkuhle grillt, wenn man in einer WG sitzt und Wein trinkt oder auf einer Party mit jemanden auf einem fremden Bett liegt, an die Decke schaut und verhüllt in Zigarettenrauch versucht, die Welt in drei Worten zu erklären, dann ist alles fast gut. Und wenn man dann nach Hause geht, leicht angetrunken, zusammen durch die Straßen, sich an einer Ecke voneinander trennt, dann sieht man nur noch das sumpfige, gelbliche Licht der Straßenbeleuchtung, dann schlafen die Toten und kurz fällt alles von einem ab. Aber ganz ehrlich: Waren wir nicht irgendwo mal glücklicher? Dass wir einmal – und an einem anderen Ort – glücklicher waren, oder zumindest auf eine andere Art glücklich, heißt zwar noch lange nicht, dass wir jetzt unglücklich sind, aber etwas bleibt kleben. Immer.
Ein Schlag in die Magengrube. Nicht auszudenken, wenn man hier fortwährend allein wäre, zur Einsamkeit gezwungen; und wie kann einem dieser Gedanke nicht kommen, wenn man diese vielen geisterhaften Gestalten durch die Gassen huschen sieht, eine Armee der Zombies, denen der Hunger auf Menschenfleisch schon lange abhanden gekommen ist. Und doch hat man Angst, einer von ihnen zu werden. Die Infektion findet nicht länger durch einen Biss statt, sondern durch die Stadt selbst, die nicht viel mehr zu bieten hat als immerzu nur Elend und Leere.

1. Zwar habe ich bisher auch nur an zwei Orten für eine längere Zeit, also mehr als zwei, drei Monate, gelebt – eben Hamburg und Hildesheim (dazu noch während des Zivildienstes für ungefähr acht Monate in Borstel – aber das zählt nicht, denn ob man diese Ansammlung von einer handvoll Häusern und ein Forschungszentrum plus Klinik (und Herrenhaus) noch als Dorf oder überhaupt irgendetwas bezeichnen kann, das mehr als die Bezeichnung „so’n Fleck“ verdient, wage ich zu bezweifeln), allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Hildesheim, die Ausgeburt der Tristesse und Fratzenhaftigkeit, für irgendwen, ob nun aus der Großstadt oder vom Dorf, etwas Schönes und Gemütliches hat und wie eine Verbesserung der Lebensqualität wirkt (eventuell noch für Bewohner Mordors). Die Trostlosigkeit dieser Stadt bleibt.

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Kategorien: Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Town of the living dead

  1. „eine Armee der Zombies, denen der Hunger auf Menschenfleisch schon lange abhanden gekommen ist.“ Großartig, genau wie der Rest – vor allem deswegen, weil es leider wahr ist…

  2. „Wenn ich durch die Straßen geh‘
    Sie in jedem Winkel seh‘
    Fühl‘ ich mich so gekränkt
    Ich bin hier völlig fremd
    In jeder Straße
    In allen Gassen
    Doch seht selbst!
    Hier!
    Da!
    Dort!
    Doch seht selbst!
    Stellt mich in den toten Winkel
    Ich kann sie nicht mehr sehen
    Wo ist der tote Winkel?
    Will allein durch die Straßen gehen
    Ich höre Fäuste sprechen
    Ich höre Knochen brechen
    Kannst du die Stadt noch genießen?
    Wenn hier Leid und Elend fließen“

    – Betonengel

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