Archiv des Autors: Apis

HSV is to die, HSV is to not die, HSV is to dance

Die wenigsten werden noch damit gerechnet haben und manch einer wähnte die Stadionuhr bereits vor dem entscheidenden Spiel abgestellt. Nicht zum ersten Mal befand sich der Hamburger SV in Abstiegsgefahr, aber irgendwie schaffte es der Dinosaurier der Liga, das Aussterben immer im letzten Moment noch einmal abzuwenden und sich einzureden, eigentlich gehöre man nach ganz oben. Diese Saison aber sah es anders aus. Am 29. Spieltag stand der HSV mit 27 Punkten auf Platz 16, zwei Punkte Rückstand auf den letzten und ein um zwei Tore schlechteres Torverhältnis auf den rettenden 15. Platz. Die letzten fünf Spiele wurden allesamt verloren. Aber auch Eintracht Braunschweig und der 1. FC Nürnberg holten keinen weiteren Punkt mehr und so blieb man Sechszehnter. Dank der DFL hatte das langsame Sterben nach 34. Spieltagen immer noch kein Ende und so konnte sich der Hamburger SV in die Relegation retten, ohne etwas für die Rettung getan zu haben. Seit 1994/95 gab es keinen Vorletzten, der mit weniger Punkten abstieg. Der MSV Duisburg kam umgerechnet auf 26 Punkte (alte Punkterechnung 20:48), einen so schlechten Drittplatzierten hatte es sogar seit 1986/87 nicht mehr gegeben. Der FC Homburg holte damals umgerechnet ebenfalls 27 Punkte, hat im Vergleich zum HSV aber ein fast doppelt so schlechtes Torverhältnis. In den letzten zwanzig Jahren schafften es sogar acht Tabellenschlusslichter 27 Punkte oder mehr zu sammeln. In der Relegation traf der Hamburger SV dann auf die SpVgg Greuther Fürth und gewann keins der beiden Spiele. Und dennoch bleibt der Verein mit viel, viel Glück und Dusel nach einem 0:0 und einem 1:1 vorerst unabsteigbar – Fürther Abschlussschwäche und Auswärtstorregelung sei Dank. In diesen Zusammenhang kann man den FDP-Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ natürlich nur noch als Zynismus verstehen. Die Relegation, als „großes Spektakel zum Saisonende“ (Aki Watzke) gepriesen, ist in erster Linie aber natürlich „Anreiz für TV-Sender“ (ebenfalls Aki Watzke), weitere finanzielle Einnahmequelle und potenzielle Bestrafung der Leistung des unterklassigen Vereins. Da die anderen beiden Vorzüge den letzten Punkt aufwiegen, werden wir uns von der Relegation wohl nicht so schnell verabschieden. Dem HSV ist zu wünschen, dass er endlich etwas aus dieser Chance macht und nicht weiterhin einem weniger chaotischen Verein den Platz in der Bundeliga wegnimmt. Mit einigen Dingen rechnet man zwar nicht mehr, aber manchmal treten sie dann doch ein. Den Fürthern hingegen bleibt mir zum Trost nur eine alte Homer Simpson Weisheit zuzurufen: „Und was lernen wir daraus? Man soll es gar nicht erst versuchen.“

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Town of the living dead

Meine Einstellung gegenüber Hildesheim als ambivalent zu beschreiben, ist sicherlich sehr beschönigend ausgedrückt, immerhin habe ich die Stadt schon häufiger als „Höllenloch“, „schlimmste Stadt Deutschlands/der Welt“, „wahre Geißel der Menschheit“ oder „grottigsten Fleck der Erde“ bezeichnet. Hildesheim ist nicht schön, bei weitem nicht, und nur mit sehr viel Liebe (die auch erstmal woher kommen muss) kann man sagen, dass Hildesheim eine okaye Stadt ist. Natürlich ist das nicht ganz fair. Klar verliert Hildesheim im Vergleich zu Hamburg, aber das ist nicht der Grund; immerhin verlieren den nicht wenige Städte, die ich trotzdem mag und in denen für eine längere Zeit zu leben ich mir durchaus vorstellen kann.1 Selbst Hildesheim hat natürlich seine schönen Ecken, ebenso wie Hamburg seine hässlichen, ungemütlichen Plätze hat. Und jeder der kurzen Besuche zu Hause hat immer auch etwas Revisionistisches, Verklärendes an sich, da durch die begrenzte Zeit nur die rosinigen Momente herausgepickt werden, wenn man sich z.B. mit seinen alten Freunden an alten Plätzen trifft, denen man eine aufgeladene Bedeutung zuspricht, oder an vergangene Augenblicke denkt (die im Rückblick ebenfalls idealisiert und somit schöner werden, als sie vielleicht waren). Genauso, wie ich Hamburg mit einer gewissen, wohlwollenden Subjektivität betrachte und immer betrachten werde, bekomme ich diese intuitive Abneigung, die sich seit meinem ersten Tag in Hildesheim eingenistet hat, weder aus Kopf, Herz noch Magen (und wo sich Abneigung noch überall im Körper festsetzt). Während Hamburg die verflossene, aber noch immer wundervolle Liebe ist, an der man alle anderen Beziehungen misst und zerbrechen lässt, und mit der man es jeder Zeit wieder versuchen würde, ist Hildesheim – ja, was eigentlich? Der Tropf und Tischnachbar in der Schule mit den dreckigen Zähnen und den vom Salamibrot ständig schmierigen Griffeln, der einen zu seinem besten Freund erklärt und jedes Jahr wieder zu seiner Geburtstagsfeier mit den Eltern einlädt? Oder doch der in seinem Trübsinn gestrandete arme Irre, gegen den sich die Welt verschworen hat, und der sich in der Bahn neben einen sitzt, um jemandem seine gescheiterte Existenz mitzuteilen? Hildesheim ist voller Krankheit, hält sich aber irgendwie doch am Leben. Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich überall Ruinen. Zerfressene Fassaden und dahinsiechende Ladenzeilen. Aus dem Sexshop wird ein türkisches Wettbüro wird eine mit Plakaten beklebte Installation der Trostlosigkeit im öffentlichen Raum. Das Irish Pub, in dem wir meist die Spiele von Borussia Dortmund geschaut haben, hat genauso dicht gemacht, wie die blaue Kneipe, in der wir letzte Saison notgedrungen das 0:0 im Derby sehen mussten (um letztere ist es nicht schade). Auch die 70er Bar hat dicht gemacht. Und …
Wie eine virile Depression überträgt sich die Stadt in die Köpfe der Menschen, zersetzt sie von Innen und lässt sich nicht mehr los. Hier kommt keiner davon, Flucht nur noch in den Wahnsinn möglich. Wer scheitert, steht nicht wieder auf. Klar, ein Zerrbild, nur ein Ausschnitt. Wenn man im Sommer am Kahlenberger Graben sitzt und ein Buch liest, wenn man mit Freunden an der Tonkuhle grillt, wenn man in einer WG sitzt und Wein trinkt oder auf einer Party mit jemanden auf einem fremden Bett liegt, an die Decke schaut und verhüllt in Zigarettenrauch versucht, die Welt in drei Worten zu erklären, dann ist alles fast gut. Und wenn man dann nach Hause geht, leicht angetrunken, zusammen durch die Straßen, sich an einer Ecke voneinander trennt, dann sieht man nur noch das sumpfige, gelbliche Licht der Straßenbeleuchtung, dann schlafen die Toten und kurz fällt alles von einem ab. Aber ganz ehrlich: Waren wir nicht irgendwo mal glücklicher? Dass wir einmal – und an einem anderen Ort – glücklicher waren, oder zumindest auf eine andere Art glücklich, heißt zwar noch lange nicht, dass wir jetzt unglücklich sind, aber etwas bleibt kleben. Immer.
Ein Schlag in die Magengrube. Nicht auszudenken, wenn man hier fortwährend allein wäre, zur Einsamkeit gezwungen; und wie kann einem dieser Gedanke nicht kommen, wenn man diese vielen geisterhaften Gestalten durch die Gassen huschen sieht, eine Armee der Zombies, denen der Hunger auf Menschenfleisch schon lange abhanden gekommen ist. Und doch hat man Angst, einer von ihnen zu werden. Die Infektion findet nicht länger durch einen Biss statt, sondern durch die Stadt selbst, die nicht viel mehr zu bieten hat als immerzu nur Elend und Leere.

1. Zwar habe ich bisher auch nur an zwei Orten für eine längere Zeit, also mehr als zwei, drei Monate, gelebt – eben Hamburg und Hildesheim (dazu noch während des Zivildienstes für ungefähr acht Monate in Borstel – aber das zählt nicht, denn ob man diese Ansammlung von einer handvoll Häusern und ein Forschungszentrum plus Klinik (und Herrenhaus) noch als Dorf oder überhaupt irgendetwas bezeichnen kann, das mehr als die Bezeichnung „so’n Fleck“ verdient, wage ich zu bezweifeln), allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Hildesheim, die Ausgeburt der Tristesse und Fratzenhaftigkeit, für irgendwen, ob nun aus der Großstadt oder vom Dorf, etwas Schönes und Gemütliches hat und wie eine Verbesserung der Lebensqualität wirkt (eventuell noch für Bewohner Mordors). Die Trostlosigkeit dieser Stadt bleibt.

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Weisheiten I

„Es ist nicht schlimm, ein Fahrrad zu klauen, das keiner benutzt.“

– Studentenweisheit

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Hildesheimer Mottenkiste: III. This is not España

Ebenfalls nie fertig geworden ist mein Reisebericht aus Spanien bzw. dem Baskenland, genauer: Donostia-San Sebastián, einer sehr schönen und reizvollen Stadt, in der im November 2009 für circa zwei Wochen (?) irgendwen besuchen war. Leider endet er schon auf dem Flughafen München, als ich mich noch auf dem Weg nach Bilbao befinde:

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Bahngespräche II (Silvester-Spezial)

Am Silvesternachmittag im Metronom nach Hamburg stellt eine der Feierwütigen fest:

„Hamburg ist ja eine Großstadt.“

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Hildesheimer Mottenkiste: II. Hurricane Festival 2010: Donnerstag (erster Tag)

Und schon der nächste, unvollendete Text, diesmal der Festivalbericht für das Hurricane 2010, der über den ersten Arbeitstag nicht hinauskommt. Zeitgeschichtlich finden ein, zwei Ereignisse aus dem Jahr drin Erwähnung, die ich schon wieder vergessen habe und natürlich die Fußball-WM 2010 (nicht vergessen). Ansonsten bleibt in Erinnerung: Es war staubig. Und kalt. Hier der Text:

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Ein Requiem für das schlechte Pöbeln

Ich weiß nicht genau, ob es an Hildesheim selbst liegt, dieser grauen, unscheinbaren Stadt in der südniedersächsischen Pampa, oder doch am dem ungesunden Konglomerat der hier gestrandeten Menschen, vielleicht fällt es mir auch nur besonders auf, weil meine Besuche in Hamburg (und anderen Städten) nur noch kurze Ausschnitte aus einem gemeinschaftlichen Stadtbild zeigen und die Makel so zwangsläufig kaschiert und unsichtbar werden, oder es hat gänzlich andere Gründe, jedenfalls fällt mir immer wieder von Neuem diese schier unerträgliche Unfreundlichkeit der Menschen, die hier leben, auf, wobei dieser Zustand mit Unfreundlichkeit noch sehr höflich umschrieben ist. Sie scheinen voller Neid und Missgunst, voller Missgunst und Neid, unzufriedene, hasserfüllte Seelen, die sie sind. Habe ich mich doch erst kürzlich fürs Pöbeln ausgesprochen, muss ich meine Meinung zumindest etwas revidieren. Pöbeln kann Spaß machen, wunderbar klebriglecker sein wie Zuckerwatte oder karamellisierte Äpfel, aber es gilt, wie für so vieles im Leben: sofern man es denn richtig macht. Das es auch mal unter die Gürtellinie gehen kann – geschenkt. Wer so schön pöbelt wie etwa die Gallagher-Brüder oder sich wie Thomas Bernhard in endlosen Litaneien der Abscheu ergeht, darf/kann/(vielleicht sogar) muss auch mal übers Ziel hinausschießen. Pöbeln kann wie ein schönes Gedicht oder Gemälde sein. Problematisch wird es nur, wenn der Pöbel pöbelt. Wobei das nicht ganz stimmt, denn es ist ja sind nicht nur das Prekariat, sondern auch und vor allem immer und immer wieder der Herr im Businessanzug oder die genervte Sekretärin, die ihre Mittagspause im Supermarkt verplempert, um Kaffeemilch zu kaufen und geht das denn jetzt nicht alles mal schneller und lassen Sie mich gefälligst vor, ich habe nur noch eine halbe Stunde. Wenn man nicht gerade auf dem Fahrrad sitzt und somit schon über alle Berge ist und nur noch Wortfetzen hört, die einem – der StVO unkundigen – Halbaffen hinterhermotzen, weil diese noch nie einen Fahrradweg oder eine Straße gesehen, geschweige ihre Bedeutungen begriffen und/oder ihre Kindheit ohne Rolf Zuckowski verbracht haben, denn er singt ja nicht umsonst:

Aus dem Haus, gradeaus,
an der Fahrbahn bleib ich stehn.
Ich seh nach links und rechts und links,
wenn alles frei ist, kann ich gehn.

Muss man sich natürlich nicht dran halten, darf sich dann aber auch nicht wundern, dass es zur rettenden Vollbremsung nicht mehr reicht. Anders sieht es z.B. an Ampeln oder in Kaufhäusern aus, denn auch diese bergen großes Potenzial, um bei überkorrekten Verfechtern der öffentlichen Ordnung die allseits beliebte Platzwartmentalität hervorzurufen, die es der gemeinen Küchenschabe gleich geschafft hat, sich aus den dunklen Dreißiger Jahren bis in das 21. Jahrhundert zu rotten und dabei gefühlt auch noch ins Unendliche zu potenzieren. Man muss kein alter Mensch dafür sein, aber man kann. Und Regelverstöße lauern an jeder Ecke. Einen Apfel essen im Bus – obwohl Essen im Bus verboten ist? Stört keinen, aber immerhin geht es ums Prinzip. In solchen Fällen kann nur geraten werden, zurückzupöbeln und/oder den advokatischen Ereiferer gepflegt auflaufen zu lassen. Auch muss schließlich gelten: Wir lassen uns das Pöbeln nicht nehmen! Schwieriger sieht es als Angestellter aus. Wer schon einmal die beiden Sätze „Der Kunde ist König!“ und „Wir bleiben immer höflich!“ in Kombination gehört hat, weiß, was ich meine. Leider neigen einige Könige zu einem hohen Rumstressfaktor gegenüber ihren Fußvolk bzw. den Bediensteten. Es wird aufs Übelste geschimpft und beleidigt, doch statt der angemessenen Gegenreaktion wird stoisch drüber hinweggehört. Natürlich mag ich das Mädchen von Kasse vier auch freundlich1, aber wenn König Otto meint, zehn Minuten vor Ladenschluss noch den Monatseinkauf für die Großfamilie machen zu müssen, dann darf sie auch gerne mal grantig werden. Aber eben auch, wenn der Kunde ausfallend wird, denn „Der Kunde ist König!“ mag zwar bis zu einem gewissen Grad stimmen, ab dort ist es jedoch nur noch marktkonformistische Kapitalismusscheiße, die von fetten Schweinen in ihrer unermesslichen Gier nach jedem hinterletzten Euro und Cent in Angestelltenköpfe reingefräst wird, bis auch der letzte ungehobelte Trottel hofiert wird, als gehöre ihm die ganze Welt (oder zumindest einer der größeren Kontinente), und der, in seiner dadurch ins Endlose anwachsenden Megalomanie bestätigt, nicht nur den Finger, sondern gleich die ganze Hand nimmt. Hier macht er jedoch noch lange nicht halt, sondern will immer mehr, mehr, mehr, bis er sich bis hin zur Unkenntlichkeit vollgefressen hat (aber wird ihn das aufhalten, weiterzumachen? Nein, natürlich nicht. Der ungehobelte Trottel frisst erbarmungslos weiter.) Und das kann niemand, der noch einigermaßen bei Verstand ist, wirklich wollen. Darum für alle: mehr Mut zum Zurückpöbeln!

1. Die völlig aufgesetzte, perverse Freundlichkeit – vor allem in Großketten –, die manchmal schon psychopathische Züge annimmt, ist ein ganz anderes Thema. Wer kann so was ernsthaft wollen?

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Silberfische in meinem Bett

Für mein altes Blog hatte ich schon einmal einen Text über Ungeziefer und Insekten geschrieben, die nachts in Scharen an meinen Fenstern saßen, Insekten, von deren Existenz ich nie etwas geahnt hatte. Angezogen vom Licht begafften sie mich und mein Treiben argwöhnisch und, vielleicht, auch etwas hämisch. Dass ich sie nicht reinließ, interessierte sie nicht im geringsten, vielmehr warteten sie nur darauf, dass ich mal wieder ein Fenster aufließ, um sich dann über meinem Deckenfluter zu sammeln und in ihm regelmäßig den Tod zu suchen. Der Kauf von Fliegengitter schaffte vorwiegend Abhilfe, auch wenn sich die Insekten nun einfach am Netz zusammenscharrten. Irgendeins von ihnen kam doch immer rein.
Nun sind Insekten in der Wohnung noch nichts Schlimmes, sofern sie nicht in unkontrollierbaren Massen aufkreuzen und sich penetrant weigern, wieder zu gehen. Die meisten sterben sowieso bald und manche kleine, übermütige Fliege fand schnell in der Venusfliegenfalle ihren Tod. Trotz Fliegengitter und fleischfressender Pflanze nistet sich aber auch mal Ungeziefer ein. Während Weberknecht und Schuster leicht hinauszukomplimentieren sind oder sich freiwillig in dunkle Kellerkatakomben zurückziehen, sieht es mit einigen aufdringlichen Eindringlingen ganz anders aus. Wer etwa schon mal Mehlmotten „zu Gast“ hatte, weiß, wie schwer diese wieder aus den Nahrungsmitteln herauszukriegen sind. Sie stehen knapp hinter den (Küchen-)Schaben, die sich mit ekelerregender Impertinenz in den Ritzen der Wohnung verbarrikadieren und gar nicht daran denken, freiwillig das Feld zu räumen. Zu allem Überfluss ist die Schabe so etwas wie der Ziehsohn der Evolution und mit einer derartigen Widerstandsfähigkeit gesegnet, dass sie schier an Unsterblichkeit grenzt. Wer das Pech hat, sie zur Untermietern zu haben, hat eigentlich nur eine Wahl: umziehen. Selbst das Haus abfackeln hilft bei diesen widerspenstigen Biestern nicht.
Aber zurück zu den Mehlmotten. Ob Reis, Haferflocken oder eben Mehl, in parasitärer Dreistigkeit leben sie in allem, was im Schrank steht und selbst verschlossenes Essen ist vor ihnen nicht sicher; durch Pappe fressen sie sich durch und auch Schraubverschlüsse stellen lediglich ein kurzweiliges Hindernis dar. Befallenes Essen kann man nur noch wegschmeißen. Zwar lebt eine Motte nicht lang, dafür hinterlässt sie neben kleinen, spinnwebenartigen Fäden auch noch ein Batzen Eier, aus denen weiße Maden schlüpfen, die voller Schmierigkeit an Wänden und Schränken entlang schleimen, nur darauf wartend, sich endlich verpuppen zu können, um wiederum selbst einen Batzen Eier zu hinterlassen. Die Mehlmotte ist ein niederträchtiges und gewissenloses Wesen, dem entschlossen entgegengetreten werden muss, da es sonst gnadenlos sein Terrorregime errichtet.
Irgendwo zwischen ruhige Mitbewohner und Ungeziefer bewegen sich hingegen Silberfischchen, die, rennt mal eins durchs Badezimmer, ignoriert werden können, spätestens, wenn man nach einer durchzechten Nacht in seinem Bett von einem zwei Meter großen Silberfisch wach geküsst wird, läuft so manches schief und werden die kleinen Chitinpanzermonster zu einem Problem. Ein weiterer Quälgeist ist in den letzten Jahren der Marienkäfer geworden. Zu Millionen fliegen die Punktierten durchs Land und betreiben einen riesigen Aufwand, um einen zu belästigen. Bevorzugt abends und vor dem Schlafengehen, wenn ich ein Buch lese, kriecht aus irgendeiner Ecke meines Zimmers einer dieser hinterhältigen Käfer und fliegt einen Kamikazeangriff gegen nichts und niemanden. Wenn er mit seinen Deckflügeln gegen Wand und Decke fliegt, verursacht er solch einen Heidenlärm, den er penetrant aufrecht zu erhalten weiß (um einiges lauter ist dabei der Bockkäfer, der jedoch den Anstand hat, sich nur selten und unabsichtlich in ein Zimmer zu verirren). Noch im Winter findet ich beim Putzen genug Käferleichen, die locker die Zweistelligkeit erreichen. Was das Ganze so perfide macht: Wir können diesem kleinen Wicht nicht richtig böse sein, ist er doch so putzig und überdies sind mit ihm unzählige Kindheitserinnerungen verbunden, ja, ist er doch sogar so etwas wie eine Metapher ebendieser Kindheit! Verdammte Sentimentalität.

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Hildesheimer Mottenkiste: I. Unibeginn

Hier kommt der erste einer Reihe von Texten, die es nicht über den „unfertig“-Ordner hinausgeschafft haben – bis jetzt natürlich. Letztes Jahr im November geschrieben, ist er, obwohl vor knapp eineinhalb Monaten das neue Wintersemester begonnen hat, erschreckend unaktuell. Ich sitze lediglich in einem Seminar, über meine Scheinsituation habe ich einen groben Überblick und bis zwölf schlafe ich höchstens dann noch, wenn ich am Abend lange weg war. Aber auch das ist selten, das Vordiplom, das ich bisher immer „im nächsten Semester“ machen wollte, steht an, die erste Prüfung ist sogar schon terminiert. Wenigstens Hildesheim bleibt trostlos als wie zuvor, meine Besuche in Hamburg hingegen sind an zwei Fingern abzuzählen. Jedoch, bevor ich abschweife, erstmal der Text:

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Mein erstes Mal … im Stadion

Meine Fußballbegeisterung setzte verhältnismäßig spät ein. Noch mit zehn Jahren verfolgte ich die EM 96 sehr sporadisch – irgendwo ganz weit hinten im Gehirnzellengerümpel meine ich, eine Erinnerung an die beiden Tore von Oliver Bierhoff vergilben zu sehen. Sicher bin ich mir nicht. Dem einzigen Moment, dessen ich mir vollkommen sicher bin, ist das Elfmeterschießen im Halbfinale zwischen England und Deutschland. Sie setzt in der Sekunde ein, in der Gareth Southgate Anlauf nimmt, schießt und nicht an Köpke vorbeikommt. Als Andy Möller sich bereit macht, zu schießen, weiß ich noch nicht, dass das der entscheidende Treffer sein wird. Ihm gegenüber steht David Seaman in einem Trikot, das aussieht, wie ein überfahrender Schwarm Papageien, viel mehr noch, wenn man sich die asphaltfarbenen Trikots seiner Mitspieler anschaut. Möller trifft, rennt, jubelt und stolziert wie Napoleon Bonaparte über den Rasen des Wembley Stadions. Football’s coming home, assholes.
Dann war da das Panini-Album für die Bundesligasaison 1996/97. In der Mitte die EM-Helden, die ich damals auswendig konnte – und es vielleicht auch immer noch könnte. Dass Oliver Reck als dritter Torwart dabei war, hat sich z.B. bis heute fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn es darum geht, welche Vereine in die 1. Liga „gehören“, orientiert sich mein Bauchgefühl an den 18 Mannschaften aus dem Panini-Album. Clubs wie der 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin oder Hannover 96 sind per definitionem in den unteren Ligen anzuordnen, während Fortuna Düsseldorf, 1860 München oder der Karlsruher SC einfach Teil der ersten sind, auch wenn sie mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit herumdümpeln. Mit „Traditionsklubs“ wie Eintracht Braunschweig kann man mir gleich wegbleiben. Auch wenn mir nichts egaler sein könnte als die Arminia aus Bielefeld, in den Drittligafußball gehört sie so wenig wie Äpfel und Bananen zusammen in die Obstschüssel. Und so sympathisch ich den FSV Mainz 05 finde, ich bezweifle, dass ich mich in zwanzig Jahren an dessen Erstklassigkeit gewöhnt haben könnte.
Dafür, dass aus meinem temporären Interesse eine anhaltende Leidenschaft wurde, sind u.a. zwei Spiele, die ich in den folgenden zwei Jahren gesehen habe, von immenser Bedeutung. Hier darauf weiter einzugehen, führe zu weit, schließlich geht es um meinen ersten Stadionbesuch. Dieser war, trotz meiner damals schon großen Affinität zu Borussia Dortmund, ohne Beteilung des BVB und auch verhältnismäßig spät. Ich war vierzehn und das Spiel die Spitzenpartie der 2. Bundesliga: FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg. Streng gesehen war ich schon zuvor bei einem Fußballspiel gewesen, die Erinnerung daran aber ist wiederholt fast verblichen. Alles, was ich an Erinnerungsscherben zusammenkriege, ist, dass es sich um ein Amateurspiel in der Hamburger Innenstadt handelte, dessen letzten zwei, drei Minuten wir noch mitbekamen. Der Fußballplatz war von schlichten Häusern umgeben, die dicht gedrängt standen, so dass wir durch eine Gasse von den Parkplätzen bis zum Spielfeld gehen mussten. Nach dem Abpfiff unterhielt mein Vater sich mit einem der Spieler (weißes Trikot). Ich habe keine Ahnung, wie alt ich war, wer spielte, ob mein Vater den Spieler kannte, oder ob selbst meine wenigen Erinnerungen mich trügen und eigentlich alles ganz, ganz anders war.
Mehr Erinnerungen habe ich an das Spiel des FC St. Pauli. Es war die Hinrunde der Saison 2000/01 und Dezember, ein paar Tage nach dem Geburtstag des geschätzten Blogger-Kollegen und Kiezkickerjüngers Staddi. St. Pauli war seit der Panini-Saison aus der 1. Liga abgestiegen und längst wurde es Zeit, ins Oberhaus zurückzukehren. Eine wunderbare Gelegenheit, um nachzufeiern. Zusammen mit einem weiteren Freund und ausgestattet mit Staddis Fanartikel machten wir uns auf zum Millerntor. Natürlich standen wir in der Gegengerade. Die Hände in Handschuhen, vor unseren Mündern Kondenswolken und sehr bald nistete sich das Winterwetter wie eine weitere Schicht Kleidung unter Jacke und Sweatshirt ein. Aber wen juckt die Kälte, wenn er die Wärme mehrerer tausend springender und singender Pauli-Fans um sich hat? Spätestens die Bierduschen beim 1:0 wärmten den Körper schön durch.
Bei dem Ergebnis blieb es dann, auch wenn ich in den Schlussminuten, in denen wir oben nahe des Ausgangs standen, noch ein Phantom-2:0 hören oder sehen wollte. Keine Ahnung, wie ich darauf kam, vielleicht war es der euphorischen Stimmung gen Ende geschuldet – vielleicht aber auch nur meiner zu Hause gelassenen Brille. Der einzige Spieler, an den ich mich erinnere, ist Andy Köpke im Tor von Nürnberg, EM-Held von 1996. Auf Paulis Seite kann ich nur spekulieren. Klasnic? Meggle? Scherz? Oder war das vor bzw. nach deren Zeit? Wurde noch mit Libero gespielt oder schon mit Viererkette? Und wer war Trainer? Natürlich könnte ich nachschauen. Aber…
Am Ende der Saison war es dann endlich soweit: Der FC St. Pauli stieg wieder in die Bundesliga auf, ebenso Nürnberg. Soweit war es nach dem Spiel noch nicht. Erstmal ging es im Taxi zurück nach Hause.

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