Kick it like Super Mario Gätzi

HSV is to die, HSV is to not die, HSV is to dance

Die wenigsten werden noch damit gerechnet haben und manch einer wähnte die Stadionuhr bereits vor dem entscheidenden Spiel abgestellt. Nicht zum ersten Mal befand sich der Hamburger SV in Abstiegsgefahr, aber irgendwie schaffte es der Dinosaurier der Liga, das Aussterben immer im letzten Moment noch einmal abzuwenden und sich einzureden, eigentlich gehöre man nach ganz oben. Diese Saison aber sah es anders aus. Am 29. Spieltag stand der HSV mit 27 Punkten auf Platz 16, zwei Punkte Rückstand auf den letzten und ein um zwei Tore schlechteres Torverhältnis auf den rettenden 15. Platz. Die letzten fünf Spiele wurden allesamt verloren. Aber auch Eintracht Braunschweig und der 1. FC Nürnberg holten keinen weiteren Punkt mehr und so blieb man Sechszehnter. Dank der DFL hatte das langsame Sterben nach 34. Spieltagen immer noch kein Ende und so konnte sich der Hamburger SV in die Relegation retten, ohne etwas für die Rettung getan zu haben. Seit 1994/95 gab es keinen Vorletzten, der mit weniger Punkten abstieg. Der MSV Duisburg kam umgerechnet auf 26 Punkte (alte Punkterechnung 20:48), einen so schlechten Drittplatzierten hatte es sogar seit 1986/87 nicht mehr gegeben. Der FC Homburg holte damals umgerechnet ebenfalls 27 Punkte, hat im Vergleich zum HSV aber ein fast doppelt so schlechtes Torverhältnis. In den letzten zwanzig Jahren schafften es sogar acht Tabellenschlusslichter 27 Punkte oder mehr zu sammeln. In der Relegation traf der Hamburger SV dann auf die SpVgg Greuther Fürth und gewann keins der beiden Spiele. Und dennoch bleibt der Verein mit viel, viel Glück und Dusel nach einem 0:0 und einem 1:1 vorerst unabsteigbar – Fürther Abschlussschwäche und Auswärtstorregelung sei Dank. In diesen Zusammenhang kann man den FDP-Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ natürlich nur noch als Zynismus verstehen. Die Relegation, als „großes Spektakel zum Saisonende“ (Aki Watzke) gepriesen, ist in erster Linie aber natürlich „Anreiz für TV-Sender“ (ebenfalls Aki Watzke), weitere finanzielle Einnahmequelle und potenzielle Bestrafung der Leistung des unterklassigen Vereins. Da die anderen beiden Vorzüge den letzten Punkt aufwiegen, werden wir uns von der Relegation wohl nicht so schnell verabschieden. Dem HSV ist zu wünschen, dass er endlich etwas aus dieser Chance macht und nicht weiterhin einem weniger chaotischen Verein den Platz in der Bundeliga wegnimmt. Mit einigen Dingen rechnet man zwar nicht mehr, aber manchmal treten sie dann doch ein. Den Fürthern hingegen bleibt mir zum Trost nur eine alte Homer Simpson Weisheit zuzurufen: „Und was lernen wir daraus? Man soll es gar nicht erst versuchen.“

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Mein erstes Mal … im Stadion

Meine Fußballbegeisterung setzte verhältnismäßig spät ein. Noch mit zehn Jahren verfolgte ich die EM 96 sehr sporadisch – irgendwo ganz weit hinten im Gehirnzellengerümpel meine ich, eine Erinnerung an die beiden Tore von Oliver Bierhoff vergilben zu sehen. Sicher bin ich mir nicht. Dem einzigen Moment, dessen ich mir vollkommen sicher bin, ist das Elfmeterschießen im Halbfinale zwischen England und Deutschland. Sie setzt in der Sekunde ein, in der Gareth Southgate Anlauf nimmt, schießt und nicht an Köpke vorbeikommt. Als Andy Möller sich bereit macht, zu schießen, weiß ich noch nicht, dass das der entscheidende Treffer sein wird. Ihm gegenüber steht David Seaman in einem Trikot, das aussieht, wie ein überfahrender Schwarm Papageien, viel mehr noch, wenn man sich die asphaltfarbenen Trikots seiner Mitspieler anschaut. Möller trifft, rennt, jubelt und stolziert wie Napoleon Bonaparte über den Rasen des Wembley Stadions. Football’s coming home, assholes.
Dann war da das Panini-Album für die Bundesligasaison 1996/97. In der Mitte die EM-Helden, die ich damals auswendig konnte – und es vielleicht auch immer noch könnte. Dass Oliver Reck als dritter Torwart dabei war, hat sich z.B. bis heute fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn es darum geht, welche Vereine in die 1. Liga „gehören“, orientiert sich mein Bauchgefühl an den 18 Mannschaften aus dem Panini-Album. Clubs wie der 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin oder Hannover 96 sind per definitionem in den unteren Ligen anzuordnen, während Fortuna Düsseldorf, 1860 München oder der Karlsruher SC einfach Teil der ersten sind, auch wenn sie mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit herumdümpeln. Mit „Traditionsklubs“ wie Eintracht Braunschweig kann man mir gleich wegbleiben. Auch wenn mir nichts egaler sein könnte als die Arminia aus Bielefeld, in den Drittligafußball gehört sie so wenig wie Äpfel und Bananen zusammen in die Obstschüssel. Und so sympathisch ich den FSV Mainz 05 finde, ich bezweifle, dass ich mich in zwanzig Jahren an dessen Erstklassigkeit gewöhnt haben könnte.
Dafür, dass aus meinem temporären Interesse eine anhaltende Leidenschaft wurde, sind u.a. zwei Spiele, die ich in den folgenden zwei Jahren gesehen habe, von immenser Bedeutung. Hier darauf weiter einzugehen, führe zu weit, schließlich geht es um meinen ersten Stadionbesuch. Dieser war, trotz meiner damals schon großen Affinität zu Borussia Dortmund, ohne Beteilung des BVB und auch verhältnismäßig spät. Ich war vierzehn und das Spiel die Spitzenpartie der 2. Bundesliga: FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg. Streng gesehen war ich schon zuvor bei einem Fußballspiel gewesen, die Erinnerung daran aber ist wiederholt fast verblichen. Alles, was ich an Erinnerungsscherben zusammenkriege, ist, dass es sich um ein Amateurspiel in der Hamburger Innenstadt handelte, dessen letzten zwei, drei Minuten wir noch mitbekamen. Der Fußballplatz war von schlichten Häusern umgeben, die dicht gedrängt standen, so dass wir durch eine Gasse von den Parkplätzen bis zum Spielfeld gehen mussten. Nach dem Abpfiff unterhielt mein Vater sich mit einem der Spieler (weißes Trikot). Ich habe keine Ahnung, wie alt ich war, wer spielte, ob mein Vater den Spieler kannte, oder ob selbst meine wenigen Erinnerungen mich trügen und eigentlich alles ganz, ganz anders war.
Mehr Erinnerungen habe ich an das Spiel des FC St. Pauli. Es war die Hinrunde der Saison 2000/01 und Dezember, ein paar Tage nach dem Geburtstag des geschätzten Blogger-Kollegen und Kiezkickerjüngers Staddi. St. Pauli war seit der Panini-Saison aus der 1. Liga abgestiegen und längst wurde es Zeit, ins Oberhaus zurückzukehren. Eine wunderbare Gelegenheit, um nachzufeiern. Zusammen mit einem weiteren Freund und ausgestattet mit Staddis Fanartikel machten wir uns auf zum Millerntor. Natürlich standen wir in der Gegengerade. Die Hände in Handschuhen, vor unseren Mündern Kondenswolken und sehr bald nistete sich das Winterwetter wie eine weitere Schicht Kleidung unter Jacke und Sweatshirt ein. Aber wen juckt die Kälte, wenn er die Wärme mehrerer tausend springender und singender Pauli-Fans um sich hat? Spätestens die Bierduschen beim 1:0 wärmten den Körper schön durch.
Bei dem Ergebnis blieb es dann, auch wenn ich in den Schlussminuten, in denen wir oben nahe des Ausgangs standen, noch ein Phantom-2:0 hören oder sehen wollte. Keine Ahnung, wie ich darauf kam, vielleicht war es der euphorischen Stimmung gen Ende geschuldet – vielleicht aber auch nur meiner zu Hause gelassenen Brille. Der einzige Spieler, an den ich mich erinnere, ist Andy Köpke im Tor von Nürnberg, EM-Held von 1996. Auf Paulis Seite kann ich nur spekulieren. Klasnic? Meggle? Scherz? Oder war das vor bzw. nach deren Zeit? Wurde noch mit Libero gespielt oder schon mit Viererkette? Und wer war Trainer? Natürlich könnte ich nachschauen. Aber…
Am Ende der Saison war es dann endlich soweit: Der FC St. Pauli stieg wieder in die Bundesliga auf, ebenso Nürnberg. Soweit war es nach dem Spiel noch nicht. Erstmal ging es im Taxi zurück nach Hause.

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¡Pulpo Grande, te alabamos!

Die Tränen über die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft dürften sich gestern im Rahmen gehalten haben, immerhin war schon im Vorfeld klar, dass Spanien das Spiel gewinnen würde. Viele werden noch ungläubig den Kopf geschüttelt haben, angesichts der bisher überzeugenden Leistung der DFB-Elf und dem doch etwas bemühten Gekicke, das die Mannen der iberischen Halbinsel während der WM gezeigt hatten, schien es doch unmöglich, dieses Spiel zu verlieren. 4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien – warum nicht auch gegen Spanien? Aber das weise Fußballorakel, der Krake Paul (Octopus vulgaris), hatte sich entschieden, hatte den glorreichen Gewinner des zweiten Halbfinales hervorgesagt: Der amtierende Europameister würde statt der Deutschen ins Finale einziehen, zum zweiten Mal hintereinander würde Deutschland bei einem großen Turnier den Spaniern unterliegen. Schon bei der EM 2008 hatte Paul an seinem Ruf als Wahrsager gebastelt – nur einmal lag er daneben, lustigerweise beim Finalspiel Spanien gegen Deutschland. Alles Hoffen half nichts, am Ende hatte Paul natürlich Recht. 1:0 stand es nach 90 Minuten + Nachspielzeit, Puyol köpfte eine Flanke ins Tor, der hoch gelobten, jungen deutschen Mannschaft bleibt nur das Spiel um Platz 3. Wie das ausgehen wird, werden wir Morgen wissen, wenn Meerestier Paul seinen exklusiven und unumstößlichen Tipp abgibt – reicht es gegen die unbequeme Überraschungsmannschaft Uruguay? Oder kann man gleich zurück nach Hause fliegen?
Währenddessen hat sich Paul hierzulande reichlich Feinde gemacht. War der unterdurchschnittliche Pöbel, allen voran die Hassprediger der BILD, nach dem Spiel gegen Argentinien noch ernsthaft schockiert, über die Geschmacklosigkeit der „Gauchos“, Paul für seine verhängnisvolle Hervorsage zu Calamari zu verarbeiten, hatten Boulevard und Mob dann doch schnell Salz und Gewürz zur Hand. BILD erklärte den Kraken zum Staatsfeind und sammelte die witzigsten Rezepte, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Spätestens nach dem Spiel kochte bei manchen die Stimmung über und der eine oder andere fand den Weg in ein Restaurant, um sich wenigstens an Pauls „Verwandtschaft“ zu rächen. Wenn man sich durch Presse und Internet liest, überrascht es, wie viele Leute es wirklich ernst meinen, die sich wirklich hochgradig von Pauls Tipp hintergangen, verraten und verkauft fühlen. Noch mal kurz vergewissern: Wahrhaftig, ein kleines Meerestierchen wird zum größten Feind der schwarz-rot-geilen Jubelmaße und zum Sündenbock für das Ausscheiden der gefeierten Mannschaft. Die Octopus-Orakelei ist nicht nur ein lustiger Zeitvertreib, sondern unabwendbares Schicksal, eines überirdischen Befehls einer Gottheit gleich! In Spanien sollen schon die ersten Kirchen gebaut werden. Großer Octopus, wir loben dich!
Dabei wird aber eins völlig vergessen. Zwar mag Paul jedes Spiel der deutschen Mannschaft richtig vorausgesagt haben, aber euer werter Blogbetreiber und Schreiberling hat die Finalpaarung schon zu WM-Beginn prophezeit und mindestens in Blut und Urin gehabt. Niederlande vs. Spanien – mein hellseherisches Talent dürfte ebenfalls außer Frage stehen. Da kann auch Paul einpacken und muss sich mit einem ehrenhaften zweiten Platz zufrieden geben. Solange meine Kirchen größer bleiben, werden wir keine Probleme bekommen.

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WM – Weltweite Mittelmäßigkeit, oder wat?

Hurra, hurra, endlich wieder WM. Fußball auf dem höchsten Niveau, viele Tore, virtuose Kombinationen, Highlights im Sekundentakt, die Sehnerven werden von spannenden Spielen verwöhnt und mit extrasüßem Zuckerguss überzogen. Es gibt fast mehr Topfavoriten als teilnehmende Teams und einer spielt schöneren und perfekteren Fußball als die anderen. Und trotz des Ausfalls von so manchem Star, gibt es von ihnen immer noch mehr als genug. Robben und Drogba haben es sogar noch mit auf den feuchtfröhlichen Fußballkahn geschafft. Hipp, hipp, hurra! Ein wahres Fest also für jeden Fußballbegeisterten. Dass die hinterlistige Realität dann so sehr konträr zu den von Glückstränen benetzten Träumen des erwartungsvollen Fußballfans laufen würde, konnte jedoch keiner ahnen. Wie eine tödliche Waffe sollte der Ball ins – oder besser noch: durchs – Netz geschossen werden, statt wie ein zusammengerolltes Gürteltier hilflos bis zur Dehydrierung auf dem Rasen hin und her gestoßen zu werden.

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