Mein erstes Mal …

Mein erstes Mal … im Stadion

Meine Fußballbegeisterung setzte verhältnismäßig spät ein. Noch mit zehn Jahren verfolgte ich die EM 96 sehr sporadisch – irgendwo ganz weit hinten im Gehirnzellengerümpel meine ich, eine Erinnerung an die beiden Tore von Oliver Bierhoff vergilben zu sehen. Sicher bin ich mir nicht. Dem einzigen Moment, dessen ich mir vollkommen sicher bin, ist das Elfmeterschießen im Halbfinale zwischen England und Deutschland. Sie setzt in der Sekunde ein, in der Gareth Southgate Anlauf nimmt, schießt und nicht an Köpke vorbeikommt. Als Andy Möller sich bereit macht, zu schießen, weiß ich noch nicht, dass das der entscheidende Treffer sein wird. Ihm gegenüber steht David Seaman in einem Trikot, das aussieht, wie ein überfahrender Schwarm Papageien, viel mehr noch, wenn man sich die asphaltfarbenen Trikots seiner Mitspieler anschaut. Möller trifft, rennt, jubelt und stolziert wie Napoleon Bonaparte über den Rasen des Wembley Stadions. Football’s coming home, assholes.
Dann war da das Panini-Album für die Bundesligasaison 1996/97. In der Mitte die EM-Helden, die ich damals auswendig konnte – und es vielleicht auch immer noch könnte. Dass Oliver Reck als dritter Torwart dabei war, hat sich z.B. bis heute fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn es darum geht, welche Vereine in die 1. Liga „gehören“, orientiert sich mein Bauchgefühl an den 18 Mannschaften aus dem Panini-Album. Clubs wie der 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin oder Hannover 96 sind per definitionem in den unteren Ligen anzuordnen, während Fortuna Düsseldorf, 1860 München oder der Karlsruher SC einfach Teil der ersten sind, auch wenn sie mittlerweile in der Bedeutungslosigkeit herumdümpeln. Mit „Traditionsklubs“ wie Eintracht Braunschweig kann man mir gleich wegbleiben. Auch wenn mir nichts egaler sein könnte als die Arminia aus Bielefeld, in den Drittligafußball gehört sie so wenig wie Äpfel und Bananen zusammen in die Obstschüssel. Und so sympathisch ich den FSV Mainz 05 finde, ich bezweifle, dass ich mich in zwanzig Jahren an dessen Erstklassigkeit gewöhnt haben könnte.
Dafür, dass aus meinem temporären Interesse eine anhaltende Leidenschaft wurde, sind u.a. zwei Spiele, die ich in den folgenden zwei Jahren gesehen habe, von immenser Bedeutung. Hier darauf weiter einzugehen, führe zu weit, schließlich geht es um meinen ersten Stadionbesuch. Dieser war, trotz meiner damals schon großen Affinität zu Borussia Dortmund, ohne Beteilung des BVB und auch verhältnismäßig spät. Ich war vierzehn und das Spiel die Spitzenpartie der 2. Bundesliga: FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg. Streng gesehen war ich schon zuvor bei einem Fußballspiel gewesen, die Erinnerung daran aber ist wiederholt fast verblichen. Alles, was ich an Erinnerungsscherben zusammenkriege, ist, dass es sich um ein Amateurspiel in der Hamburger Innenstadt handelte, dessen letzten zwei, drei Minuten wir noch mitbekamen. Der Fußballplatz war von schlichten Häusern umgeben, die dicht gedrängt standen, so dass wir durch eine Gasse von den Parkplätzen bis zum Spielfeld gehen mussten. Nach dem Abpfiff unterhielt mein Vater sich mit einem der Spieler (weißes Trikot). Ich habe keine Ahnung, wie alt ich war, wer spielte, ob mein Vater den Spieler kannte, oder ob selbst meine wenigen Erinnerungen mich trügen und eigentlich alles ganz, ganz anders war.
Mehr Erinnerungen habe ich an das Spiel des FC St. Pauli. Es war die Hinrunde der Saison 2000/01 und Dezember, ein paar Tage nach dem Geburtstag des geschätzten Blogger-Kollegen und Kiezkickerjüngers Staddi. St. Pauli war seit der Panini-Saison aus der 1. Liga abgestiegen und längst wurde es Zeit, ins Oberhaus zurückzukehren. Eine wunderbare Gelegenheit, um nachzufeiern. Zusammen mit einem weiteren Freund und ausgestattet mit Staddis Fanartikel machten wir uns auf zum Millerntor. Natürlich standen wir in der Gegengerade. Die Hände in Handschuhen, vor unseren Mündern Kondenswolken und sehr bald nistete sich das Winterwetter wie eine weitere Schicht Kleidung unter Jacke und Sweatshirt ein. Aber wen juckt die Kälte, wenn er die Wärme mehrerer tausend springender und singender Pauli-Fans um sich hat? Spätestens die Bierduschen beim 1:0 wärmten den Körper schön durch.
Bei dem Ergebnis blieb es dann, auch wenn ich in den Schlussminuten, in denen wir oben nahe des Ausgangs standen, noch ein Phantom-2:0 hören oder sehen wollte. Keine Ahnung, wie ich darauf kam, vielleicht war es der euphorischen Stimmung gen Ende geschuldet – vielleicht aber auch nur meiner zu Hause gelassenen Brille. Der einzige Spieler, an den ich mich erinnere, ist Andy Köpke im Tor von Nürnberg, EM-Held von 1996. Auf Paulis Seite kann ich nur spekulieren. Klasnic? Meggle? Scherz? Oder war das vor bzw. nach deren Zeit? Wurde noch mit Libero gespielt oder schon mit Viererkette? Und wer war Trainer? Natürlich könnte ich nachschauen. Aber…
Am Ende der Saison war es dann endlich soweit: Der FC St. Pauli stieg wieder in die Bundesliga auf, ebenso Nürnberg. Soweit war es nach dem Spiel noch nicht. Erstmal ging es im Taxi zurück nach Hause.

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