Momentaufnahme

HSV is to die, HSV is to not die, HSV is to dance

Die wenigsten werden noch damit gerechnet haben und manch einer wähnte die Stadionuhr bereits vor dem entscheidenden Spiel abgestellt. Nicht zum ersten Mal befand sich der Hamburger SV in Abstiegsgefahr, aber irgendwie schaffte es der Dinosaurier der Liga, das Aussterben immer im letzten Moment noch einmal abzuwenden und sich einzureden, eigentlich gehöre man nach ganz oben. Diese Saison aber sah es anders aus. Am 29. Spieltag stand der HSV mit 27 Punkten auf Platz 16, zwei Punkte Rückstand auf den letzten und ein um zwei Tore schlechteres Torverhältnis auf den rettenden 15. Platz. Die letzten fünf Spiele wurden allesamt verloren. Aber auch Eintracht Braunschweig und der 1. FC Nürnberg holten keinen weiteren Punkt mehr und so blieb man Sechszehnter. Dank der DFL hatte das langsame Sterben nach 34. Spieltagen immer noch kein Ende und so konnte sich der Hamburger SV in die Relegation retten, ohne etwas für die Rettung getan zu haben. Seit 1994/95 gab es keinen Vorletzten, der mit weniger Punkten abstieg. Der MSV Duisburg kam umgerechnet auf 26 Punkte (alte Punkterechnung 20:48), einen so schlechten Drittplatzierten hatte es sogar seit 1986/87 nicht mehr gegeben. Der FC Homburg holte damals umgerechnet ebenfalls 27 Punkte, hat im Vergleich zum HSV aber ein fast doppelt so schlechtes Torverhältnis. In den letzten zwanzig Jahren schafften es sogar acht Tabellenschlusslichter 27 Punkte oder mehr zu sammeln. In der Relegation traf der Hamburger SV dann auf die SpVgg Greuther Fürth und gewann keins der beiden Spiele. Und dennoch bleibt der Verein mit viel, viel Glück und Dusel nach einem 0:0 und einem 1:1 vorerst unabsteigbar – Fürther Abschlussschwäche und Auswärtstorregelung sei Dank. In diesen Zusammenhang kann man den FDP-Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ natürlich nur noch als Zynismus verstehen. Die Relegation, als „großes Spektakel zum Saisonende“ (Aki Watzke) gepriesen, ist in erster Linie aber natürlich „Anreiz für TV-Sender“ (ebenfalls Aki Watzke), weitere finanzielle Einnahmequelle und potenzielle Bestrafung der Leistung des unterklassigen Vereins. Da die anderen beiden Vorzüge den letzten Punkt aufwiegen, werden wir uns von der Relegation wohl nicht so schnell verabschieden. Dem HSV ist zu wünschen, dass er endlich etwas aus dieser Chance macht und nicht weiterhin einem weniger chaotischen Verein den Platz in der Bundeliga wegnimmt. Mit einigen Dingen rechnet man zwar nicht mehr, aber manchmal treten sie dann doch ein. Den Fürthern hingegen bleibt mir zum Trost nur eine alte Homer Simpson Weisheit zuzurufen: „Und was lernen wir daraus? Man soll es gar nicht erst versuchen.“

Advertisements
Kategorien: Kick it like Super Mario Gätzi, Menschen haben keine Ahnung, Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | Ein Kommentar

Town of the living dead

Meine Einstellung gegenüber Hildesheim als ambivalent zu beschreiben, ist sicherlich sehr beschönigend ausgedrückt, immerhin habe ich die Stadt schon häufiger als „Höllenloch“, „schlimmste Stadt Deutschlands/der Welt“, „wahre Geißel der Menschheit“ oder „grottigsten Fleck der Erde“ bezeichnet. Hildesheim ist nicht schön, bei weitem nicht, und nur mit sehr viel Liebe (die auch erstmal woher kommen muss) kann man sagen, dass Hildesheim eine okaye Stadt ist. Natürlich ist das nicht ganz fair. Klar verliert Hildesheim im Vergleich zu Hamburg, aber das ist nicht der Grund; immerhin verlieren den nicht wenige Städte, die ich trotzdem mag und in denen für eine längere Zeit zu leben ich mir durchaus vorstellen kann.1 Selbst Hildesheim hat natürlich seine schönen Ecken, ebenso wie Hamburg seine hässlichen, ungemütlichen Plätze hat. Und jeder der kurzen Besuche zu Hause hat immer auch etwas Revisionistisches, Verklärendes an sich, da durch die begrenzte Zeit nur die rosinigen Momente herausgepickt werden, wenn man sich z.B. mit seinen alten Freunden an alten Plätzen trifft, denen man eine aufgeladene Bedeutung zuspricht, oder an vergangene Augenblicke denkt (die im Rückblick ebenfalls idealisiert und somit schöner werden, als sie vielleicht waren). Genauso, wie ich Hamburg mit einer gewissen, wohlwollenden Subjektivität betrachte und immer betrachten werde, bekomme ich diese intuitive Abneigung, die sich seit meinem ersten Tag in Hildesheim eingenistet hat, weder aus Kopf, Herz noch Magen (und wo sich Abneigung noch überall im Körper festsetzt). Während Hamburg die verflossene, aber noch immer wundervolle Liebe ist, an der man alle anderen Beziehungen misst und zerbrechen lässt, und mit der man es jeder Zeit wieder versuchen würde, ist Hildesheim – ja, was eigentlich? Der Tropf und Tischnachbar in der Schule mit den dreckigen Zähnen und den vom Salamibrot ständig schmierigen Griffeln, der einen zu seinem besten Freund erklärt und jedes Jahr wieder zu seiner Geburtstagsfeier mit den Eltern einlädt? Oder doch der in seinem Trübsinn gestrandete arme Irre, gegen den sich die Welt verschworen hat, und der sich in der Bahn neben einen sitzt, um jemandem seine gescheiterte Existenz mitzuteilen? Hildesheim ist voller Krankheit, hält sich aber irgendwie doch am Leben. Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich überall Ruinen. Zerfressene Fassaden und dahinsiechende Ladenzeilen. Aus dem Sexshop wird ein türkisches Wettbüro wird eine mit Plakaten beklebte Installation der Trostlosigkeit im öffentlichen Raum. Das Irish Pub, in dem wir meist die Spiele von Borussia Dortmund geschaut haben, hat genauso dicht gemacht, wie die blaue Kneipe, in der wir letzte Saison notgedrungen das 0:0 im Derby sehen mussten (um letztere ist es nicht schade). Auch die 70er Bar hat dicht gemacht. Und …
Wie eine virile Depression überträgt sich die Stadt in die Köpfe der Menschen, zersetzt sie von Innen und lässt sich nicht mehr los. Hier kommt keiner davon, Flucht nur noch in den Wahnsinn möglich. Wer scheitert, steht nicht wieder auf. Klar, ein Zerrbild, nur ein Ausschnitt. Wenn man im Sommer am Kahlenberger Graben sitzt und ein Buch liest, wenn man mit Freunden an der Tonkuhle grillt, wenn man in einer WG sitzt und Wein trinkt oder auf einer Party mit jemanden auf einem fremden Bett liegt, an die Decke schaut und verhüllt in Zigarettenrauch versucht, die Welt in drei Worten zu erklären, dann ist alles fast gut. Und wenn man dann nach Hause geht, leicht angetrunken, zusammen durch die Straßen, sich an einer Ecke voneinander trennt, dann sieht man nur noch das sumpfige, gelbliche Licht der Straßenbeleuchtung, dann schlafen die Toten und kurz fällt alles von einem ab. Aber ganz ehrlich: Waren wir nicht irgendwo mal glücklicher? Dass wir einmal – und an einem anderen Ort – glücklicher waren, oder zumindest auf eine andere Art glücklich, heißt zwar noch lange nicht, dass wir jetzt unglücklich sind, aber etwas bleibt kleben. Immer.
Ein Schlag in die Magengrube. Nicht auszudenken, wenn man hier fortwährend allein wäre, zur Einsamkeit gezwungen; und wie kann einem dieser Gedanke nicht kommen, wenn man diese vielen geisterhaften Gestalten durch die Gassen huschen sieht, eine Armee der Zombies, denen der Hunger auf Menschenfleisch schon lange abhanden gekommen ist. Und doch hat man Angst, einer von ihnen zu werden. Die Infektion findet nicht länger durch einen Biss statt, sondern durch die Stadt selbst, die nicht viel mehr zu bieten hat als immerzu nur Elend und Leere.

1. Zwar habe ich bisher auch nur an zwei Orten für eine längere Zeit, also mehr als zwei, drei Monate, gelebt – eben Hamburg und Hildesheim (dazu noch während des Zivildienstes für ungefähr acht Monate in Borstel – aber das zählt nicht, denn ob man diese Ansammlung von einer handvoll Häusern und ein Forschungszentrum plus Klinik (und Herrenhaus) noch als Dorf oder überhaupt irgendetwas bezeichnen kann, das mehr als die Bezeichnung „so’n Fleck“ verdient, wage ich zu bezweifeln), allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Hildesheim, die Ausgeburt der Tristesse und Fratzenhaftigkeit, für irgendwen, ob nun aus der Großstadt oder vom Dorf, etwas Schönes und Gemütliches hat und wie eine Verbesserung der Lebensqualität wirkt (eventuell noch für Bewohner Mordors). Die Trostlosigkeit dieser Stadt bleibt.

Kategorien: Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

Alltagsphilosophische Fragen

Und wer streckt eigentlich immer mein Duschgel mit Wasser?

Kategorien: Momentaufnahme | Hinterlasse einen Kommentar

On the road again

Ab heute bin ich wieder mit den Klangpiraten unterwegs, erstes Festival, das ich mitentere, ist das Hurricane Festival in Scheeßel. Würde bei den wenigen Beiträgen gerade natürlich gar nicht auffallen, ob ich jetzt hier bin oder da oder dort oder irgendwo. Dafür gibt es danach endlich wieder viele Geschichten zu erzählen, über die ich dann – vielleicht, vielleicht – mal schreiben könnte. Ich genieße die fußballfreie Zeit, die meisten Spiele waren ja eine Qual. Ab Morgen werden die Spiele dann alle gut und spannend und haben im Durchschnitt mindestens 5 Tore pro Partie. Ironischerweise pegelt sich dafür der Bierspiegel endlich wieder auf Normalstand ein, und das bei einem Festival. Außerdem bin ich so gut gerüstet wie noch nie (eigener Schlafsack, eigene Isomatte und irgenwie wohl auch eigenes Zelt) und musste mir das wenigste leihen. Zeit für eine ganz neue Erfahrung.

Kategorien: Bloginterna, Momentaufnahme | Hinterlasse einen Kommentar

…and broken bones!

Endlich wieder feinstes Knochenbrecherwetter. Mit unmöglich gewinkelten Beinen rutscht man von Geschäft zu Geschäft durch die weißen Straßen. Aber wir fordern: Mehr Schnee, noch viel mehr! Meterhoch! Und für alle, die sich kein schönes Weihnachtsfest leisten können: Eine richtig fette Weihnachtsgans (Roland Koch) von unserer Jubel-Kanzlerin, aber bitte schön durchgebraten. Das wäre mal ein tolles Geschenk.

Kategorien: Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

Alles, was du siehst

Am fast wolkenlosen Himmel scheint die Sonne und taucht die postwinterliche Landschaft in ein schwaches Gold. Die wenigen Wolken am Himmel sind wie Rührei, ab und an zieht ein einzelnes Flugzeug eine Spur Salz hinter sich her. Wie müde Soldaten strecken sich die blätterlosen Bäume in Richtung Sonne, die Kälte von sich gähnend und in leichte Wattesehnsucht gepackt, wartend auf das grüne Kleid des Frühlings (und neidisch auf die immergrünen Nadelbäume blickend). Noch eine letzte Umarmung des Winters, noch einmal hinter den Wolken verstecken, schon schaut sie wieder raus, leuchtende Melodien in unseren Nasen und unsere Zungen schmecken Honig. Auf den Feldern sammeln sich Krähen und Raben, fliegen auf und im Kreis, picken die frische Saat, wenn sie wieder landen, sie sind viele, einsame Könige, glücklich unter sich zu sein. Ein Reiher stakst über die Wiese, geduldig, Schritt für Schritt, den Hals gereckt auf der Suche nach Beute, immer wieder zuckt er kurz nach vorne, um dann doch nicht zuzustoßen, Schritt für Schritt, bis er dann ein paar Meter weiter fliegt, dasselbe Spiel noch einmal von vorn, geduldig. Rehe wagen sich aus der Kühle des Waldes raus auf die Felder, fressen Gras, flankiert von einigen Kaninchen. Irgendwo ein Reiter auf seinem Pferd, zu weit entfernt, um ihn zu beachten. Etwas weiter, auf den Weiden: Kühe, Schafe, Pferde. Auf dem erdigen Boden noch einige Pfützen der letzten Tage, kleine Rinnsale bahnen sich ihren Weg durch das Unterholz und Gestrüpp, zwischen den vielen Bäumen ein rostgoldener Teppich aus Tannennadeln und Ästen. Vorbei an einer Fischereiteichen, vielleicht Forellen, ein Vater in Latzhose mit seinen zwei Kindern, ein kleines Mädchen mit blonden Locken und ein schlaksiger Junge mit Brille und Fußballtrikot. In den Büschen versteckt der Onkel, Angst vor den Kormoranen, die fressen uns die Fische weg, Auflehnung gegen farbige Kreisel. Immer wieder kleine Seen, und immer glitzert das Wasser wie tausend tote Regenbogenfische. Ich spüre die Blumen sprießen und die Blüten knospen, Frühling, bald ist es wieder Frühling, ich werde pathetisch, die Welt, man möchte sie umarmen und küssen, so voller Liebe, ich sage das dem fremden Mädchen neben mir und strahle über das ganze Gesicht wie eine entstaubte Glühbirne, aber sie schaut mich nur verständnislos an, als wäre ich bescheuert. Ich bin mir nicht sicher, ob sie vielleicht Recht hat. Wenn nicht alle Plätze im Zug besetzt wären, würde sie sich wegsetzen, aber stehen mag sie auch nicht. Noch zwei Stationen, dann so schnell wie möglich raus ins warme Gold des Frühlings. Ich bleibe, wo ich bin, starre weiter aus dem Fenster, offener Mund, denke: Das Leben ist wunderschön, irgendwo in meinem Hinterkopf eine leise Stimme, murmelnd … Sonnenstich? Ich ignoriere sie, schließlich trage ich eine Mütze.

Kategorien: Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

Katerblues

Aufstehen ist ein schwieriger und langwieriger Prozess.

Kategorien: Momentaufnahme | 3 Kommentare

Fotzen

Samstagmorgen, kurz nach drei Uhr, U-Bahn. Zwei Jungs im subkulturellen Outfit (weite, helle Sporthose, Pullover mit Graffitischrift, modisch mit Gel gestylte Kurzhaarfrisur) steigen in die U-Bahn und setzen sich in eine Vierersitznische, in der Sitzecke schräg links gegenüber sitzt ein Junge mit seinem Mädchen (typisches Aussehen von Durchschnittsabiturienten). Ich kann die vier aus den Augenwinkeln sehen. Genau in diesem Moment gibt die Batterie meines mp3-Players den Geist auf und ich höre folgenden Dialog:

Erster Junge: „Es ist nicht ehrenhaft, aina Fotze ins Gesicht zu schlagen.“
Zweiter Junge: „Zeig mir die Fotze, wo die n Gesicht hatte.“
Erster Junge: „Ham wir wieda was gelernt.“
Zweiter Junge: „Überhaupt Fotzen …“
Erster Junge: „Es ist nicht ehrenhaft, aina Fotze ins Gesicht zu schlagen.“ Blick zu einem Mädchen und ihrem Freund, die ihnen gegenüber sitzen. „Ey, nix gegen dich, weißu. Andara Fotzen, andares Wort, andara Meinung.“
Freund: „Nee, ist schon klar, kein Problem.“
Erster Junge: „Kommt ihr auch gerade ausm ersten Wagen?“
Freund: „Nee …“
Erster Junge: „Weißu, wir nur so am Party machn, machn so’n paar Typen uns an, ham wohl zu viel genommn, Speed, Koks, Ecstasy, Wodka, kaine Ahnung was … wir wolln kainen Stress, klar man, nur bisschen amüsiern …“
Freund: „Ja, klar, versteh ich.“
Erster Junge: „Machn uns so an, gibt dann Schlägerai, haun den Fotzen natürlich was aufs Maul … gleich derbe Wirbel und so, Hamburg Ains und RTL und so … war nur Notwehr, gleich total Stress, man …“
Zweiter Junge: „Voll übel, Digga.“
Erster Junge: „Jetzt erstmal nur nach Hause, runta kommn, keinen Stress mehr … Bin total müde, man …“
Mädchen: „Ja, kennen wir, wir sind auch total müde …“
Erster Junge: „Digga, so’n Abend, man …“
Zweiter Junge: „Fotzen, ey.“
Erster Junge: „Es ist echt nicht ehrenhaft, aina Fotze ins Gesicht zu schlagen.“

Kategorien: Menschen haben keine Ahnung, Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | 7 Kommentare

No sleep till…

„DIE HAT DOCH ’N KNALL!“
Dazu ein Lachen wie ein betrunkener Pelikan.
„ECHT, DIE HAT NICHT MEHR ALLE TASSEN IM SCHRANK!“
Und wieder dieses Lachen. Ich bin noch nicht wach, aber richtig schlafen tu ich auch nicht mehr. WHROOOOM! Eine schwere Maschine wird von einem Auto geladen.
„DANN LASS UNS DAS MAL AUFREISSEN!“
Noch ein wenig Lärm, dann versacke ich wieder in meinem Tiefschlaf.
„DAS IST ECHT MAL EIN DICKES DING!“
Das unverkennbare Lachen reißt mich wieder zurück, zurück an den Grenzbereich zwischen Wachzustand und Schlaf. Ich gebe ein undeutliches Geräusch von mir und drehe mich auf die andere Seite, klammer mich an das schöne schummrige Schwarz und weigere mich auf das grelle Licht, das durchs Fenster herein scheint, zuzugehen. Aber die Stimme lässt mir keine Ruhe.
„KÖNN’ WA?“
Ein leises Gemurmel zur Antwort, vorerst bleibe ich von diesem grausigen Lachen verschont. Ein leises und stetiges Poltern lässt mich ein weiteres Mal wegdämmern, dann kommt das rhythmische Klopfen eines Presslufthammers hinzu. Ich drehe mich zurück auf die andere Seite, öffne meine Augen einen Mikrospalt, verziehe meine Mundwinkel zu einem Lächeln und gleite in einen Traum, durch den sich das dröhnendes WUMM-WUMM des Presslufthammers im Viervierteltakt zieht.
„DAS GLAUB ICH NUN JA NICHT!“
Wieder das Lachen. Und gleich noch einmal. Augenblicklich bin ich wach, reiße meine Augen auf und sofort rollt sich das Licht wie ein Igel auf meiner Netzhaut zusammen. Ich beiße mir auf die Zunge, befreie mich von der Decke, stolpere aus dem Bett, links, rechts, und fast in den Schreibtisch, brumme einen Fluch, finde meine Brille und schaue aus dem Fenster. Draußen reißen sie gerade den Gehweg auf, dann wieder das Lachen, ein kräftiger junger Mann mit kurz geschorenen Haaren und einem etwas dümmlichen Gesicht legt den Kopf in den Nacken und lacht.
„JETZT ABER!“
Sein Kollege sagt ein paar Worte, aber sie sind nicht zu hören, da der Lärm des Presslufthammers sie verschluckt. Der Mann mit den kurz geschorenen Haaren lacht noch einmal und schaut seinem Kollegen zu, wie er den Boden mit dem Presslufthammer bearbeitet. Auf der anderen Seite hebt ein dritter Mann die Steinplatten des Gehwegs an und stapelt sie gegen einen Pfeiler. Ich schließe die Augen, aber als ich sie öffne, sind sie immer noch da – natürlich. Der lachende Mann wechselt die Straßenseite, lacht dabei unaufhörlich weiter und schaut nun dem anderen beim Arbeiten zu.
„DAS IST EIN DING, ECHT EIN DICKES DING!“
Er brüllt und lacht, alles, was er sagt, scheint völlig sinn- und zusammenhangslos sein. Was mich am meisten irritiert, ist, dass sein Gelache und Gerede mit Leichtigkeit den Lärm der Bauarbeiten übertönt. Meine Augen brennen immer noch vom Licht, der Mann und der Lärm sind einfach nicht im selben Takt, also schließe ich das Fenster, wühle mich unter meine Decke und vergrabe den Kopf unter dem Kissen, bis der verbrauchte Sauerstoff im Zimmer mich zurück in die Dämmerung mitnimmt …

Kategorien: Menschen haben keine Ahnung, Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

Take me out tonight

Wir treffen uns an der Haltestelle Sternschanze. Die Straßen sind voll, nicht zu voll, es ist noch früh, halb zehn abends. Lange Schlangen an den Bankautomaten, kein Geld in der Tasche und schon lange im Minus, vier Ziffern, der Automat spuckt die Scheine aus, das ist Kapitalismus, reich ist, wer noch Geld bekommt. Darauf trinken wir. Später. Dann in die erste Bar, gedämmtes Licht, alte Sofas und Tische, abgewetzte Tapeten, abgefuckt. Laut, gemütlich, wir sitzen aufeinander an der vollen Tafel der beiden Könige. Ich trinke – nichts.

Die Vögel zwitschern schon, als wir nach Hause fahren, bald ist es wieder Frühling. Draußen ist es dunkel, noch vor vier; Nächte, die nie enden, sind die schönsten. Sprachfetzen fliegen durch die U-Bahn, ich schnappe sie auf und schweige. Die Lichter der Innenstadt und ——– U is for underground. Schon sind wir unter der Erde, zwängen uns zwischen die warmen, schweißnassen Menschen und steigen um, steigen ein, von der Line U3 in die U1. Leere Gesichter und kaputte Körper, „Hey Nigga, steig ein!“, aber Nigga ist betrunken, seine glasigen Augen schauen niemanden an. Die Türen schließen sich, Nigga ist draußen, seine Freunde drinnen, der eine stellt sich ungestüm in die noch nicht geschlossene Tür, löst einen Automatismus aus, der andere packt Nigga am Arm, der sich widerwillig in die U-Bahn ziehen lässt. „Ey, Nigga, was is’n mit dir? – „Alles klar mit dir, Nigga?“ – „Nigga hat zu viel genommen, nicht nur *unverständliches Gemurmel*“, er schaut keinem in die Augen, lautes Lachen. Aus den Ohrstöpseln lautes Dröhnen, beat this.
Ich verabschiede mich von meinen Freunden, fahre weiter, Nigga und seine Freunde bleiben in der Bahn. „Digga, der is sowas von fertig!“ – „Bringst du Nigga nach Hause?“ – „Ey, das sind dreißig Minuten mit’m Bus *unverständliches Gemurmel* Wandsbek Markt raus.“ Nigga legt sich schlafen, ich schließe die Augen und sehe Rauschen, verstöpsle mich, head like a hole, black as your soul, i’d rather die than give you control. Mit einem Augenaufschlag bleibt die Bahn stehen, Nigga ist auf den Beinen und stolpert aus dem Wagen, „Ey, Nigga, komm wieder rein.“ – „Das ist noch nicht Farmsen.“, aber Nigga hört nix, der Boden dreht sich, Nigga bleibt auf einer eisernen Bank zurück, während wir weiterfahren. „Digga, war der fertig.“

Die letzten Kilometer als Fußweg, ich stolpere kurz über meine Füße und irgendwann ist ER da, lässig raucht ER SEINE Zigarette, ich nehme meine Ohrstöpsel aus den Ohren, spoken words, viel zu laut, „Gefeiert, was?“ – „Yeah.“ – „War fett? Wo warste?“ – „Grüner Jäger, Goldener Pudel.“, Was haste gemacht? Gechillt oder gedanct?“. Gechillt und gedanct, „Viele hübsche Ladies auf der Tanzfläche?“, die Girls waren heiß, yeah, viel zu laut dröhnt SEINE Stimme, Fragen, ganz viele Fragen, that’s me, dann ich halte einen Monolog, „Nicht schlecht, Herr Specht.“, geile Mucke und Alkohol, amazing girls, surfen auf einer Wellenlänge. Who am I? Who are you? „Ich bring dich nach Hause, kein Thema!“ – „Yeah.“ … dann wieder allein, noch drei, vier Straßen, Ohrenstöpsel rein, I’ve exposed your lies/The truth is so boring.

Etwas früher: Der Bass hat sich irgendwo zwischen Wirbelsäule und Gehirn festgesetzt und lässt nicht mehr los, als wir gehen. Die Leute stehen immer noch an, halb vier morgens, Elektromusik und billige Getränke, wir gehen vom Goldenen Pudel Club Richtung Landungsbrücken, vorbei am Hafen, schauen auf die Elbe, auf die Lichter und auf die Aida. Es ist warm, das Wasser ruhig, und die Lichter des großen Schiffes sind Sternenstaub. Mein Photoapparat liegt zu Hause. Das Schiff ist riesig, wir gehen weiter, am Elbtunnel vorbei und auf die Landungsbrücken. Einen letzten Blick auf die Aida, dann fahren wir heim.

Als wir im Grünen Jäger ankommen, ist der noch fast leer. 5 Euro Eintritt, ein Stempel, wir gehen nach oben. Ich trinke mein erstes Bier an diesem Abend und kippe eins um. Nicht meins. Heute ist Russendisko im Grünen Jäger, die Musik laut, im Obergeschoss etwas leiser. Oben wird geraucht, als wir nach unten kommen, wird getanzt. Ich trinke mein Bier, kaufe mir ein neues, höre der Musik zu, dem Rhythmus, wenn ich tanzen könnte, würde ich tanzen. (Allerdings: Das können viele andere hier auch nicht.). Boys and girls auf der Tanzfläche, blicke in Gesichter, Menschen können hübsch sein, müssen es aber nicht, und der Boden ist nass und klebrig vor lauter Bier. Im grellen Licht der Toiletten verschwindet mein Stempelaufdruck fast in der Haut, zurück bleibt eine wage Kontur. Bin ich der einzige, dessen Handgelenk nie richtig gestempelt wird? Ich renne raus, suche ein Münztelefon, finde eins, werfe Geld ein, wähle eine Nummer … tot. Drinnen ist die Luft stickig, ich kaufe ein Bier, wir gehen nach oben, jetzt wird auch hier getanzt, die Luft steht vor Rauch und doch ist es angenehmer als unten. Schnelle Musik, Gogol Bordello, Goran Bregović kenne ich, einiges kommt mir bekannt vor, ich sitze und trinke Bier, ich will tanzen, ich muss tanzen, ich kann nicht tanzen, aber keine Widerrede, let’s dance to the song they’re playin‘ on the radio.

Erster Blick seit langem wieder auf den Hafen bei Nacht, letztes Jahr im Herbst, da war ich hier, hab Musik gehört und aufs Meer geschaut, oranges Licht, damals wie heute, heute wie damals, alles wie immer, werde ich wieder hier herziehen, wenn ich mit dem Studium durch bin, denke ich, vielleicht, vielleicht ja.
Laut bollern die Boxen, als wir uns anstellen, wollen rein, stehen in der langen Schlange, irgendwann sind wir drin, laute Elektromusik knallt uns in die Ohren, die Tanzfläche ist klein, alles ist klein, springen, springen, springen, aber dann raus, in die Kälte, rauchen, trinken, Zeit vergehen lassen. Ich schmeiße Flaschen um. Nicht meine. Richard von der Schulenburg irrt umher, ein Mädchen kotzt. Der Goldene Pudel Club ist vielleicht der abgefuckteste Laden der Stadt. Sich einen schöneren Platz vorzustellen fällt schwer. There is a light and it never goes out.

Kategorien: Lipstick letters, Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | 2 Kommentare

Bloggen auf WordPress.com.