Alles, was du siehst

Am fast wolkenlosen Himmel scheint die Sonne und taucht die postwinterliche Landschaft in ein schwaches Gold. Die wenigen Wolken am Himmel sind wie Rührei, ab und an zieht ein einzelnes Flugzeug eine Spur Salz hinter sich her. Wie müde Soldaten strecken sich die blätterlosen Bäume in Richtung Sonne, die Kälte von sich gähnend und in leichte Wattesehnsucht gepackt, wartend auf das grüne Kleid des Frühlings (und neidisch auf die immergrünen Nadelbäume blickend). Noch eine letzte Umarmung des Winters, noch einmal hinter den Wolken verstecken, schon schaut sie wieder raus, leuchtende Melodien in unseren Nasen und unsere Zungen schmecken Honig. Auf den Feldern sammeln sich Krähen und Raben, fliegen auf und im Kreis, picken die frische Saat, wenn sie wieder landen, sie sind viele, einsame Könige, glücklich unter sich zu sein. Ein Reiher stakst über die Wiese, geduldig, Schritt für Schritt, den Hals gereckt auf der Suche nach Beute, immer wieder zuckt er kurz nach vorne, um dann doch nicht zuzustoßen, Schritt für Schritt, bis er dann ein paar Meter weiter fliegt, dasselbe Spiel noch einmal von vorn, geduldig. Rehe wagen sich aus der Kühle des Waldes raus auf die Felder, fressen Gras, flankiert von einigen Kaninchen. Irgendwo ein Reiter auf seinem Pferd, zu weit entfernt, um ihn zu beachten. Etwas weiter, auf den Weiden: Kühe, Schafe, Pferde. Auf dem erdigen Boden noch einige Pfützen der letzten Tage, kleine Rinnsale bahnen sich ihren Weg durch das Unterholz und Gestrüpp, zwischen den vielen Bäumen ein rostgoldener Teppich aus Tannennadeln und Ästen. Vorbei an einer Fischereiteichen, vielleicht Forellen, ein Vater in Latzhose mit seinen zwei Kindern, ein kleines Mädchen mit blonden Locken und ein schlaksiger Junge mit Brille und Fußballtrikot. In den Büschen versteckt der Onkel, Angst vor den Kormoranen, die fressen uns die Fische weg, Auflehnung gegen farbige Kreisel. Immer wieder kleine Seen, und immer glitzert das Wasser wie tausend tote Regenbogenfische. Ich spüre die Blumen sprießen und die Blüten knospen, Frühling, bald ist es wieder Frühling, ich werde pathetisch, die Welt, man möchte sie umarmen und küssen, so voller Liebe, ich sage das dem fremden Mädchen neben mir und strahle über das ganze Gesicht wie eine entstaubte Glühbirne, aber sie schaut mich nur verständnislos an, als wäre ich bescheuert. Ich bin mir nicht sicher, ob sie vielleicht Recht hat. Wenn nicht alle Plätze im Zug besetzt wären, würde sie sich wegsetzen, aber stehen mag sie auch nicht. Noch zwei Stationen, dann so schnell wie möglich raus ins warme Gold des Frühlings. Ich bleibe, wo ich bin, starre weiter aus dem Fenster, offener Mund, denke: Das Leben ist wunderschön, irgendwo in meinem Hinterkopf eine leise Stimme, murmelnd … Sonnenstich? Ich ignoriere sie, schließlich trage ich eine Mütze.

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Kategorien: Momentaufnahme, My reflection, dirty mirror | Hinterlasse einen Kommentar

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